Ausgabe 2008 - 2   |   Mai-Juni-Juli-August



Foto: Christa Langheiter

 

 

 

Bekenntnisse einer Handarbeiterin
von Christa Langheiter

Mit 11,5 Jahren strickte, stickte und häkelte ich eine komplette Kollektion für meine Barbiepuppe – vom Bikini bis zur Haube, von der bestickten Glockenjean – ja, das trug frau tatsächlich Anfang der 70er Jahre – bis zum Minirock.

Ich war begeistert. Vom Ergebnis, vom Tun, vom Versinken in eine Welt aus Stoff, Knöpfen und Wolle. Damals aber schon war meine Handarbeitslust knapp am Verpönten vorbei. Altersmäßig in dem Fall. Sich mit Barbies abzugeben und sie wieder und wieder umzuziehen mit selbst kreiertem Outfit ging mit 11,5 gerade noch durch. Bis 11,9. Dann war Händchenhalten und Küssen angesagt. Zumindest das Reden darüber.

Mit 20 war’s dann wieder knapp. Die Lust zu gestalten wollte nicht verschwinden und schrie nach Umsetzung. Damals, Anfang der 80er Jahre, wohnte ich in einer Frauen-WG. Wir wälzten Simone de Beauvoir, Virginia Woolf und Ingeborg Bachmann. Wir waren mitten drin in der Frauenbewegung, die gerade dabei war, zahlreiche Tore für uns zu öffnen. Die Unis, die Spitzenpositionen, die Technik.

Nicht länger mussten wir in Vorzimmerbüros, an Herrn Doktors Seite oder hinter Haarwaschbecken unser Dasein fristen. Oder Handarbeitslehrerin sein, die sich abmüht, den Mädels den Unterschied zwischen einem Kreuz- und einem Schlingstich beizubringen, wofür sie im besten Fall ein mitleidiges Lächeln erntet, weil nämlich die modernen Mädchen Maschinen entwerfen, Boote bauen und Flugzeuge steuern können.

Ob sie das auch wollen? Diese Frage war damals bei uns Frauenbewegten kaum im Repertoire. Schließlich mussten die Möglichkeiten genutzt werden, wenn sie schon geschaffen wurden.

Und so wurde ich nicht Handarbeitslehrerin, sondern Lehrerin für technisches Werken. Theoretisch. So wie mit 12 Jahren das Küssen und Händchenhalten. Denn in der Praxis hatte ich keine Ahnung, wie ich als 160 cm große Frau mir 2 Meter groß erscheinende Burschen dazu bringen könnte, mich technisch ernst zu nehmen oder gar die Werkstatt aufzukehren. Hauptsache, ich hatte mich abgemüht, eine Stichsäge von einem Fuchsschwanz unterscheiden zu lernen.

Mit 46 plötzlich ist alles ganz anders. Nichts ist mehr verpönt. Nicht innen, nicht außen. Wechsel zur Freiheit. Heute lasse ich mir von niemandem mehr den Genuss nehmen, herrlich seidene Stoffe durch die Finger gleiten zu lassen und in einer überquellenden Schachtel von Knöpfen zu wühlen.

Und auch nicht die Lernerfahrung, die man so anschaulich serviert bekommt beim Handarbeiten. Wie geht man um mit Monotonie? Die Frage ist plötzlich nicht mehr abstrakt, sondern weithin sichtbar und innerlich hörbar: „Uff, noch acht Reihen, ich hab doch schon 42 hinter mir, das ist langweilig, ich hab eh schon so viele gemacht, kann ich nicht ein paar auslassen, mit wem könnt ich das verhandeln, ach ja, mit dem linken Schlapfen, der dann um 1 cm kleiner wäre, tja, das war’s wohl, durchbeißen durch weitere acht Reihen.“

Ebenso das leidige Thema Perfektionismus, das bei mir ganz frauenuntypisch offenbar Schlamperei heißt. Was mir vor dem dritten Auftrennen der zweiten Filethäkelreihe nicht so spürbar bewusst war. 48 Maschen anschlagen, wie ich es notiert hab. Das war wohl die ursprüngliche Idee, nicht die tatsächliche Umsetzung. Mist. Es braucht 42 Maschen für dieses Muster. Also auftrennen. Durchatmen. Noch einmal beginnen.

Mit 42 Maschen. Am Ende aber ist eine zu wenig. Wieso das denn??? Ich hab doch alles ausgerechnet und abgezählt. Tja, leider aber habe ich zwei statt drei Maschen zum Wenden gezählt. Also noch einmal auftrennen. Und: feststellen, es ist Zeit für eine Pause. Denn wenn ich in diesem Zustand weitermache, mache ich jede Reihe drei Mal statt einmal.

Und mit 46 lasse ich mir auch nicht nehmen, davon zu träumen, noch einmal ganz neu anzufangen. Ich schreibe gern, ich verdiene damit mein Geld. Ich coache gern, ich verdiene damit mein Geld. Und ich handarbeite leidenschaftlich gern. Und ich verdiene damit irgendwann mein Geld. Basta. Wer ebenso zuversichtlich wie ich ist, dass mein fortschreitender Handarbeitsvirus irgendwann konkrete Angeobts-Formen annimmt und darüber am laufenden gehalten werden möchte, möge mir ihre E-Mail-Adresse schicken.

Christa Langheiter
Wort & Woll-Designerin und Coach

christa@langheiter.at
Tel. 0676/534 86 55

www.mut-zur-auszeit.at
www.mut-zur-handarbeit.at :­-)) Achtung! Die Site gibt es noch nicht, könnte aber noch werden…

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