Ausgabe 2008 - 2   |   Mai-Juni-Juli-August


 

 

 

Karriere selbst gemacht
von Dr. Ursula Lengauer

Ein unbeschränktes Dienstverhältnis? Eine fixe Stelle auf Lebenszeit? Die Zeiten sind vorbei. Gefragt ist indessen Eigenengagement bei der Karrieregestaltung. Das braucht Kreativität, Initiative und gute Nerven. Eigenschaften, die zwar Frauen, die im Arbeitsleben stehen, keineswegs schaden, die aber doch eher eine Unternehmerpersönlichkeit charakterisieren. Vermutlich war aber Unternehmertum bei den wenigsten die entscheidende Vorstellung für ihr zukünftiges Berufsleben.

Welche Skills braucht es nun dafür, unter den heutigen Bedingungen eine befriedigende Karriere selbst zu gestalten?
Begeisterung und hohe fachliche Qualität setzen wir bei unseren Überlegungen voraus. Was aber ist heute ein Erfolgskriterium für Karrieren in jedem Feld? Es ist eine gute Mischung aus Zielstrebigkeit, Flexibilität und Kommunikationsfähigkeit. Daran mag man Wertediskussionen knüpfen. Was ich hier jedoch deutlich machen will, ist ganz pragmatisch aus der Erfahrung in der Karriereberatung abgeleitet:

Genialität allein verhilft in den seltensten Fällen zum Erfolg.
Entscheidend sind folgende Tätigkeiten:
• Ziele fokussieren
• Prioritäten setzen
• in Ruhe Dranbleiben und
• Sozialkapital pflegen und nützen

Was heißt das für das selbstgesteuerte Gestalten einer Karriere?
Hier ein konkreter Fall zur Illustration: Frau Dr. B., Universitätsassistentin, hat gerade ihre Habilitation vorgelegt. Als nächstes in ihrer Laufbahn strebt sie eine Professur an (= Ziel fokussieren). Die Lehre und der Praxisbezug sind ihr äußerst wichtig, ebenso das Familienleben (= Prioritäten setzen).
Sie ist in einem Fachbereich tätig, der sehr eng umgrenzt ist. Ihr Chef – weit vom Pensionsalter - sitzt auf einer unbefristeten Stelle, die er auch nicht verlassen möchte. Frau Dr. B. muss sich also, will sie ihr Ziel erreichen, darauf einstellen, dass sie - eher früher als später - den Arbeitgeber, eventuell auch den Ort wechseln muss (= Flexibilität, die erste).

Sie bespricht dieses Vorhaben mit ihrem Lebensgefährten. Der ist einverstanden, auch damit, ins Ausland zu gehen, solange noch keine Kinder geplant sind. Dr. B. startet eine Bewerbungsoffensive. Sie entscheidet sich für eine Doppelstrategie: Sie lässt alle ihre internationalen Kontakte wissen, dass sie zur Verfügung steht, und bittet darum, dass man sie frühzeitig informieren möge, wenn sich eine entsprechende Stelle auftut (= Sozialkapital nützen). Und sie hat sich entschieden, sich auch auf Fachhochschulprofessuren im Inland zu bewerben, die ihrer Neigung für angewandte Forschung und Lehre sehr entgegen kommen (= Flexibilität, die zweite).

Wie sooft in solchen Karrierephasen, ist dann alles gleichzeitig eingetreten: sie wurde zu einem Hearing sowohl für eine Professur auf einem amerikanischen College als auch auf zwei heimischen Fachhochschulen eingeladen. Das ist der Punkt, wo es drum geht die Nerven zu behalten (= in Ruhe Dranbleiben), eventuell auch ein bisschen zu pokern. Frauen lehnen das oft im ersten Moment ab. Sobald sie sich allerdings für diese Option öffnen und Spaß an dem „Spiel“ finden, sind sie dabei genauso erfolgreich wie die männlichen Kollegen.

Dr. B. jedenfalls hatte schließlich, nachdem sie eine der FHs ausgeschieden hatte, weil sie ihr von der Atmosphäre her nicht gefiel, die Wahl zwischen zwei Angeboten: dem amerikanischen College und einer renommierten Fachhochschule in dem Bundesland, aus dem sie stammt.
Sie hat sich für die Fachhochschule entschieden, die ihre Gehaltsforderung aufgrund des amerikanischen Konkurrenzangebots erfüllt hat. Gegen das College in den USA sprach, dass es sehr weitab in einer Gegend lag, die ihr klimatisch nicht zusagte. Für die Fachhochschule sprach das Renommee, weiters dass sich dort auch berufliche Möglichkeiten für Dr. B.s Lebensgefährten abzeichneten. Sollte die Familienplanung fortschreiten, könnten die Kinder außerdem in der Nähe der Großeltern aufwachsen. Die eventuelle Statuseinbuße gegenüber einer Universitätsprofessur war für Dr. B. kein Thema, sie schätzt das angesichts der Entwicklung des FH-Bereichs als kurzfristiges Phänomen ein. Ihre Priorität liegt auf einer ganzheitlichen Selbstverwirklichung.

Eine befriedigende Laufbahn – gleich in welchem Berufsfeld - ist nie nach rein beruflichen Kriterien zu gestalten. Wir müssen unsere persönlichen Werte, Vorlieben und Bedürfnisse immer mit einkalkulieren, sonst programmieren wir Burnout.

Oft machen auch „Umwege“ Sinn, sie dienen meistens der Repertoireerweiterung – wir lernen etwas dazu, das bei einem linearen Karriereverlauf nie aufgetaucht wäre.

Daher ist es klug, wenn wir immer wieder einmal überlegen: „Was wäre, wenn… ich ein Jahr aussetze, vorübergehend das Berufsfeld wechsle, mich nebenbei selbständig mache…“. Solche Szenarien setzen nicht nur Ängste sondern auch Ideen frei und bringen uns dazu, unsere Talente voll auszuschöpfen. Ein angenehmer Nebeneffekt solcher Gedankenspiele ist ein „Plan B“, falls es mal wirklich nicht weitergeht.

Dr. Ursula Lengauer
Training Coaching Supervision (ÖVS)

Kohlmarkt 9/6
1010 Wien
mobil: 06991-9257565
home: www.besthelp.at/lengauer
blog: www.besthelp.at/lengauer/blog
mail: ulengauer@chello.at

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