Ausgabe 2008 - 3    |   September-Okober-November-Dezember


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Freundinnen am Abgrund des Burn-out
von Sabine Fabach

Es sind immer die Anderen, die die Veränderung bemerken, die Sätze sagen, wie z.B. „vielleicht solltest du etwas gegen den täglichen Stress unternehmen“ oder“ du arbeitest einfach zu viel, bitte schraub zurück“.
Und die Antwort auf diesen besorgten Hinweis sind auch immer ähnlich,  „übertreib nicht, es ist eh nicht so schlimm“ oder „es geht nicht anders, sonst...“. Und alles läuft weiter wie bisher.


Was können Sie tut, wenn Ihr Partner oder Ihrer Partnerin, ihre Freundin oder Kollegin schon an deutlichen Anzeichen für ein Burn-out leidet, aber es selbst nicht erkennen will?

Burn-out-gefährdete Menschen bitten selten selbst um Hilfe, selbst bei Menschen, die ihnen nahestehen. Bieten Sie daher vorsichtig Ihre Unterstützung an. Vielleicht erzählen Sie von eigenen Erfahrungen, um das Vertrauen dieser Person zu gewinnen. Sie werden vorerst viele Ausreden und Abschwächungen hören oder aggressive Reaktionen, wenn Ihr Handeln als Einmischung oder Besserwisserei verstanden wird.

Vor allen in den frühen Burn-out-Phasen gibt es wenig Einsicht und Motivation, dass Vorbeugung notwendig ist. Ihre Sorge wird eher als lästige Bevormundung erlebt.
Aber bleiben Sie beim Thema, informieren Sie sich, lassen Sie Bücher über Burn-out und Stress offen herumliegen und hinterfragen Sie liebevoll immer wieder die Stressbewältigungsstrategien der betroffenen Person.

Wenn diese bereits Symptome eines fortgeschrittenen Burn-outs zeigt, depressiv ist und alles sinnlos findet, drängen Sie immer wieder darauf, dass sie sich professionale Hilfe sucht. Wählen Sie geeignete PsychotherapeutInnen, Coaches oder BeraterInnen aus und geben Sie der betroffenen Person einen Zettel mit den Namen und Telefonnummern in die Hand.

Bieten Sie an, dass Sie beim Telefonat dabei sein werden oder auch zum Erstgespräch mitgehen. Wenn die depressive Symptomatik schon weiter fortgeschritten ist, kann es sogar sein, dass Antrieb und Fähigkeit, Derartiges anzugehen, sehr geschwächt sind. Machen Sie sich bewusst, dass sich dahinter keine Unwilligkeit oder Faulheit verbirgt, sondern dass diese Energielosigkeit typischerweise als Begleiterscheinung einer Depression auftritt.

Einer Frauen mit hohen Burn-out-Risiko ist es generell sehr wichtig, alles alleine zu schaffen. Die Betroffene muss sich nun aber eingestehen, dass Sie dazu nicht in der Lage ist. Das zu verdauen, fällt nicht leicht, die Erkenntnis allein stellt daher schon einen großen Schritt dar.

Einer Frau in dieser Situation einfach nur zuzuhören ist wichtig. Geben Sie sich Mühe, sie nicht zu kritisieren oder zu verurteilen. Ermuntern Sie sie über Ihre verdrängten Gefühle nachzudenken, die Wut, die Ohnmacht, die Angst, die Abhängigkeit. Bleiben Sie geduldig. Unterstützen Sie sie, indem Sie ihre positiven Eigenschaften sichtbar machen, ihre Kompetenz, ihre Zuverlässigkeit als Freundin usw.

Da ab einem gewissen Grad des Burn-outs die Wahrnehmung der positiven Aspekte im Leben verloren geht, ist es gut, immer wieder daran zu erinnern.
Vielleicht wird Ihre Partnerin/Freundin auf jeden positiven Hinweis mit einem „Ja, aber …“ reagieren. Selbst wenn Sie dies ärgert, da keine Ihrer Ideen gut genug zu sein scheint, unterlassen Sie jeden Vorwurf.

Bremsen Sie sich besser selbst und sprechen Sie nicht jeden Gedanken aus. Unterstützen Sie die Betroffene dabei, ihre Gefühle zu bestimmten Personen und Situationen besser zu verstehen. Dinge beim Namen zu nennen und den ganzen Frust, Ärger und alle Enttäuschung offen auszusprechen kann entlasten. Damit zerfällt der Riesenberg aus aufgestauten Gefühlen in kleinere und leichter zu bewältigende Brocken.

blumenSpielen Sie Ihrer Partnerin/Freundin bitte nicht vor, dass alles in Ordnung ist und die Symptome nicht so schlimm sind. Gekünstelter Optimismus verstärkt nur ihr Gefühl, dass niemand versteht, wie es ihr geht. Zeigen Sie ruhig, wie betroffen Sie sind oder wie groß Ihre Sorge ist. Verfallen Sie jedoch nicht selbst in Resignation. Gerade Frauen mit Depressionen würden diese Hoffnungslosigkeit spüren und die Zukunft in noch schwärzenen Farben ausmalen. Lassen Sie sich auf keinen Fall davon anstecken, übernehmen Sie in solchen Situationen ganz bewusst den Part der Hoffnung, ohne zu übertreiben.

Es hilft auch, wenn Sie gemeinsam mit der Betroffenen deren Situation analysieren. Obwohl sie sehr müde und schwach ist, kämpft sie gerade deswegen umso verbissener darum, ihre Identität und Würde wahren. Schwäche einzugestehen ist für Frauen im Burn-out sehr schwer. Sie braucht viel Ermutigung, dass sie auch jetzt ein starker und selbständiger Mensch ist. Gehen Sie langsam vor, ihr gewohnter Leistungsanspruch kann auch in dieser Phase wirken und Druck auslösen, alles möglichst schnell wieder in den Griff zu kriegen.

Um die Reaktionen und Verhaltensweisen Ihrer Partnerin/Freundin besser zu verstehen und mit Zurückweisungen besser umzugehen, informieren Sie sich umfassender über das Thema Burn-out. Auch können Sie manche Ängste lindern, indem Sie der Betroffenen mitteilen, dass ihre Gefühle oder Zustände für Menschen mit Burn-out normal sind. Zu hören, dass die derzeitige Schwäche eine ganz normale Reaktion auf eine jahrelange Überforderung ist, kann die quälenden Selbstvorwürfe und Zweifel mildern.

Sprechen Sie außerdem an, was Frauen angeblich „müssen“ und „sollten“ – und wie oft das vom „Wollen“ abweicht. Wenn Ihre Partnerin/Freundin sich dies bewusst gemacht hat, überlegen Sie gemeinsam, wo für sie Spielraum für das „Wollen“ ist.

Planen Sie dann gemeinsam kurz- und langfristige Veränderungen, die der Weiterentwicklung des Burn-outs entgegenwirken. Dabei sollten Sie beide auf eine realistische Einschätzung achten, was sich tatsächlich ändern lässt und was nicht. Beginnen Sie mit dem kleinstmöglichen Schritt und heben Sie sich die schwierigeren Aspekte für später auf.

Wie sehr diese Überlegungen auch Sie betreffen, hängt davon ab, wie nah Ihnen die betroffene Person steht. In einer Paarbeziehung oder Ehe sind beide Partner von jeder Veränderung mitbetroffen. Daher ist es wichtig, dass Sie als der nicht betroffene Partner – ob Mann oder Frau – immer genau hinterfragen, ob zum Beispiel die neue Arbeitsteilung bei der Kinderbetreuung, der Hausarbeit oder der Gartenpflege für Sie machbar ist. Wenn Sie in zu großen Stress geraten, nur um es dem anderen zu erleichtern, haben Sie beide keine gute Lösung gefunden.


Als mittbetroffener Partner oder Partnerin werden Sie vielleicht zu hören bekommen, dass auch Sie sich verändern sollen. Oder Sie bekommen einen Teil der Schuld an dem Burn-out zugesprochen. Dann kann sehr leicht ein unproduktiver Streit entstehen, in dem es nur darum geht, wer die Schuld an allem trägt. Aber hier geht es nicht um Schuld, sondern wie sich eine Situation verbessern läßt. Lösungsorientiertes Denken und Handeln ist gefragt.

Hüten Sie sich vor schnellen Zusagen, um es dem anderen zu erleichtern. Geben Sie erst nach, wenn Sie sicher sind, dass neue Vereinbarungen von beiden Seiten eingehalten werden können. Die Aufgaben neu zu verteilen bedeutet, das einer etwas loslassen und der andere ganz verlässlich etwas annehmen muss. Nur wenn beide Partner darauf vertrauen, kann eine neue Verteilung im privaten Lebensbereich funktionieren und damit entlasten. Holen Sie sich Unterstützung durch eine Paarberatung, wenn sich zu viele Schwierigkeiten auftun.

Überlegen Sie gemeinsam, wie der betroffene Part sich besser um sich selbst kümmern und mehr Fürsorge für sich selbst aufbringen kann.

Behalten Sie dabei immer im Hinterkopf: Menschen mit Burn-out sind oft ungerecht, ungeduldig, gereizt und abwertend. Schlucken Sie Ihre Gefühle über einen derartigen Umgang nicht einfach hinunter, sondern sagen Sie rechtzeitig Halt und fordern Sie einen wertschätzenden Umgang ein. Nichts rechtfertigt verbale Abwertungen.

Nutzen auch Sie während dieser schwierigen Zeit Ihr Beziehungsnetzwerk, um über die Belastungen als nichtbetroffene/r PartnerIn oder FreundIn zu sprechen und sich Trost und Anregungen zu holen.

Achten Sie auf sich, denn der ständige Druck und Stress, den Ihr/ Partner/Ihre Partnerin verbreitet, kann Sie dazu verleiten, Ihr persönliches Tempo zu überschreiten, um mitzukommen.  

Bedenken Sie, dass Menschen im Burn-out sich aus Beziehungen zurückziehen. Ihr Versuch, Nähe und Intimität herzustellen, kann dazu führen, dass Sie Ihre eigenen Bedürfnisse ganz zurückstellen und sich nur auf den anderen einstellen.

Als Partner oder Partnerin einer Burn-out Betroffenen brauchen Sie auch immer Raum und Zeit für sich, um das eigene Tempo, die eigenen Bedürfnisse nicht aus den Augen zu verlieren.


Mehr zum Thema Burn – out finden Sie in meinem Buch
„Burn – out. Wenn Frauen über ihre Grenzen gehen.“ Orell-Füssli Verlag 2007


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