Ausgabe 2008 - 3    |   September-Okober-November-Dezember


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Kann mir Psychotherapie helfen, einen Weg aus einer Sackgasse zu finden?
von Bettina Reinisch


Nun, natürlich nicht, wenn Sie in Wien in einer Sackgasse gelandet sind. Da ist es schon besser, Sie schauen mal im Stadtplan nach, wie es weitergehen könnte.

Doch wenn Sie in einer psychischen Sackgasse gelandet sind, sieht es schon anders aus.

Sackgasse heißt hier: Ich weiß nicht mehr weiter. Ich muss erkennen, dass ich falsche Entscheidungen getroffen habe, eine falsche Richtung gewählt habe. Ich muss erkennen, dass ich in letzter Zeit oder schon seit längerer Zeit zu unpassenden oder unangemessenen Problemlösungsstrategien gegriffen habe. Mein Denken dreht sich im Kreis. Ich weiß nicht mehr weiter.

Sie kennen vermutlich so einen Zustand. Viele landen zumindest einmal in ihrem Leben in einer Sackgasse, aus der sie keinen Ausweg mehr sehen. Sie wissen einfach nicht mehr weiter. Alles; was sie noch spüren, ist Verzweiflung, Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit. Dahinter liegt ein großes Gefühl - Angst.

Manche dieser in der Sackgasse Gelandeten entscheiden sich nun, es einmal mit einer Psychotherapie zu versuchen. Keine schlechte Idee, sage ich, und Sie werden antworten, klar, das muss sie ja sagen, schließlich ist sie Therapeutin und will von ihrem Beruf leben, und damit haben Sie natürlich Recht, aber ich sage das auch deshalb, weil ich selbst das Sackgassen-Gefühl kenne, Therapie mir geholfen hat und ich in den vergangenen 20 Jahren Leute getroffen habe, die mir ähnliches berichtet haben oder die ich begleitet habe bei ihren Wegen aus der Sackgasse. Ich kann schon sagen, ich kenne mich da ein bisschen aus.

Aber natürlich sind meine Schlüsse, die ich ziehe, sehr persönliche und ich habe auch schon gehört "Naja, du bist halt begeistert vom Personenzentrierten Ansatz, aber das ist ja alles viel zu weich."
Umso mehr freue ich mich jetzt, dass die "harte" Wissenschaft, Vertreter der Naturwissenschaften uns Personzentrierten PsychotherapeutInnen plötzlich zur Seite springen. Es handelt sich um Neurowissenschaftler, wie den Portugiesen Antonio Damásio oder die Deutschen Gerald Hüther und Manfred Spitzer, darüber hinaus den Neuropsychologen Michael Lux, die erforschen, wie Psychotherapie und psychotherapeutische Interventionen Menschen helfen.

Durch bildgebende Verfahren kann man nachvollziehen, was sich im Gehirn tut. Laut Hüther sei das eine ganze Menge. Zwei seiner Ideen finde ich besonders erfreulich: Das menschliche Gehirn ist - unser ganzes Leben lang - eine Baustelle. Immer aktiv. Und es sieht so aus wie es benützt wird. Beide Gedanken finde ich sehr tröstlich und sehr bestärkend. Es bedeutet, ich kann etwas tun, um mein Denken zu ändern. Und die Forschung belegt, dass eine konstruktive Beziehung (wie sie in einer Personenzentrierten Psychotherapie angeboten wird) dem Gehirn hilft, sich in eine konstruktive Richtung zu entwickeln und sich so umzustrukturieren, dass die KlientIn ihr Leben wieder auf die Reihe bekommen kann.

Psychotherapie hat zwar mit Gefühlen zu tun, doch noch viel mehr hat es mit dem Denken zu tun.
Wer in einer Sackgasse gelandet ist, hat nicht das Problem, dass er oder sie "falsch empfindet", sondern dass das Denken in eine ungünstige Richtung läuft.

Die Beziehung, die ich als Personenzentrierte Psychotherapeutin bereit bin mit der KlientIn einzugehen, ist der Nährboden für das Gehirn der KlientIn mit konstruktiven Umbauarbeiten zu beginnen. Wege aus der Sackgasse zu finden, geht dann manchmal überraschend leicht.

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