Ausgabe 2009 - 2    |   August 2009 - Februar 2010



 

 

 

 

 

orlik

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

AN-GE-HÖRIG
Angehörige von Suchterkrankten

Ingrid Trabe (2009)


Sucht im Zentrum der partnerschaftlichen und familiären Aufmerksamkeit

Wohl die meisten Suchtkranken werden auf ihrem Weg in die Sucht und später in der Sucht von Menschen begleitet, die ihnen angehören. Dass für die Angehörigen dadurch ein enormer Leidensdruck entsteht, ist nicht erst mit der Entstehung des Begriffes der Co-Abhängigkeit beschrieben worden.

Schon in den frühen 50er Jahren haben Angehörige von Alkoholikern im Umfeld der Gruppen der Anonymen Alkoholiker in den USA die Al-Anon Familiengruppen gegründet und darauf hingewiesen, dass „Alkoholismus eine Familienkrankheit ist und eine veränderte Einstellung die Genesung fördern kann“ (Al-Anon-Präambel).

In den folgenden Jahren wurde in der populärwissenschaftlichen Literatur der Begriff der Co-Abhängigkeit geprägt, der sich im Laufe der Zeit geradezu inflationär ausweitete und im zunehmenden Maße von allen gesellschaftlichen Bereichen vereinnahmt wurde: Familie, Freundeskreis, Arbeitsleben, Politik, Institutionen, medizinischer und therapeutischer Behandlung.

Der Begriff der Co-Abhängigkeit wandelte sich vor allem in der Selbsthilfeliteratur von einer Problembeschreibung zur Diagnose und Angehörige liefen Gefahr pauschal als „krank“ abgestempelt zu werden. Hier handelt es sich um eine grobe Vereinfachung und Einschränkung, die andere, wesentliche Aspekte des Verhaltens von Angehörigen, wie Fürsorge und Anteilnahme außer Acht lässt.

Das hat zur Folge, dass viele Angehörige die Stigmatisierung, die dieses Konzept mit sich bringt, ablehnen. Mittlerweile wird vermehrt dazu übergegangen, den Begriff der Co-Abhängigkeit nicht wertend zu verwenden. Vielmehr werden Konzepte der Co-Abhängigkeit zur Beschreibung von Haltungen und Verhaltensweisen von Angehörigen herangezogen, die hilfreich sein können das eigene Verhalten zu reflektieren und die Übernahme von Verantwortung für den Suchtkranken zu reduzieren.

Co-abhängige Verhaltensweisen finden ihren Ausdruck im Vermeiden und Beschützen, Kontrollieren, in der Übernahme von Verantwortlichkeit, dem Rationalisieren und auch in der Kooperation und Kollaboration.

Im Wesentlichen sind es Verhaltensweisen, die Sucht aufrechterhalten, stützen und verstärken. Diese Verhaltensstile verhindern, dass der Süchtige mit den Auswirkungen seiner Sucht konfrontiert wird, und wirken stabilisierend und systemerhaltend.

Angehörige im unmittelbaren Umfeld von Suchtkranken werden zunehmend isoliert, vernachlässigen die eigenen Bedürfnisse ebenso wie die Selbstverantwortung, geraten in Hilflosigkeit und Zorn und leiden nicht selten an psychosomatischen Erkrankungen oder zeigen deutlich Symptome eines Burn-out.

In der professionellen Suchtbehandlung wurden Angehörige lange Zeit nicht miteinbezogen oder bestenfalls der Mittäterschaft bezichtigt; es gab außerhalb von Selbsthilfegruppen, die nach Gründung von Al-Anon noch um einige Gruppierungen erweitert wurde (EKA-Erwachsene Kinder von Alkoholikern, Al-Ateen – jüngere Angehörige von Alkoholikern, um nur einige zu nennen) keine nennenswerten Angebote für Angehörige.

Erst in den letzten Jahren wurde das Angebot auf diesem Sektor auch innerhalb der professionellen Institutionen ausgebaut und erweitert.

Im Anton-Proksch-Institut werden seit mehr als 15 Jahren Angehörige betreut. Im Jahr 2004 wurde ein Betreuungskonzept entwickelt, das die Angehörige/den Angehörigen selbst in den Mittelpunkt stellt und in einem Stufenmodell unterschiedliche Angebote bereitstellt.



Ingrid Trabe ist Psychotherapeutin i.A.u.S. in freier Praxis und Mitglied im ANGNET (Angehörigenbetreuungsnetzwerk des Anton-Proksch-Instituts in Wien).

 

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Redaktionelle Beiträge müssen nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.
HINWEIS ZUM URHEBERRECHT. Diese Artikel, Vorträge und Präsentationen oder Teile daraus dürfen, in welcher Form oder mit welchen Medien auch immer, ohne schriftliche Genehmigung der Autorin weder reproduziert werden noch in Datenbanken oder  Archivsystemen gespeichert bzw. aufbewahrt werden.

Home
..................................


Weitere Artikel:

Burnout-Auslöser Doppelbelastung Wenn alles zuviel wird
..............................
Sich selbst mögen lernen
...............................
Kunsttherapie
..............................
Gewaltfreie Kommunikation
..............................
Emotionale Erpressung
............................
Heilpflanze Weissdorn


 

Artikel.Archiv

Foto: © trabe
2. Bild: © s.fabach

Diese Seite drucken