Ausgabe 2011 - 1   |   März - September 2011


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Kostenfreie Psychotherapie für Opfer von Gewalt – eine Information für Betroffene und deren Angehörige
von Bettina Reinisch (2011)

 

Personen, die Opfer einer Straftat wurden und aufgrund dieser Tat einer psychotherapeutische Behandlung bedürfen, haben unter bestimmten Voraussetzungen ein Anrecht auf Kostenübernahme für die Behandlung durch das Bundessozialamt (BSB). Im Falle eines ablehnenden Bescheides des Bundessozialamtes gibt es die Berufungsmöglichkeit an die Bundesberufungskommission.

Mit diesem Artikel wollen wir Sie über die Voraussetzungen informieren, wie Sie zu dieser finanziellen Unterstützung kommen.

Die Übernahme dieser Kosten ist in Österreich im Verbrechensopfergesetz (VOG) geregelt. Betroffene haben Anspruch auf unterschiedliche Hilfeleistungen. Das reicht vom Ersatz des Verdienstentgangs bis zum Ersatz für medizinische, soziale und berufliche Rehabilitationsmaßnahmen und bis  hin zu einem pauschalisierten Schmerzensgeld (einmalig 1000 EUR für eine schwere Körperverletzung) oder einmalig EUR 5000 für eine Körperverletzung mit schweren Dauerfolgen.

Darüber hinaus gibt es finanzielle Unterstützung für Hinterbliebene im Falle eines Tötungsdelikts – und zwar auch für Heilfürsorgemaßnahmen und auch für psychotherapeutische Behandlung.
Die Übernahme der Kosten für Psychotherapie ist also eingebettet in dieses Gesetz und Teil der möglichen Unterstützungsmaßnahmen für Verbrechensopfer.

In welchen Fällen werden die Kosten für eine Psychotherapie übernommen?

Vorraussetzung für die Kostenübernahme durch das Bundessozialamt ist, dass es sich um eine vorsätzliche rechtswidrige Tat handelt, die mit mehr als sechs Monaten Freiheitsstrafe bedroht ist und die Betroffenen im Zusammenhang mit dieser Tat eine Körperverletzung oder eine Gesundheitsbeschädigung erlitten haben. 

In Frage kommen beispielsweise Taten wie folgende im Österreichischen Strafgesetzbuch beschriebene:

  • Schwere Körperverletzung (§ 84 StGB)
  • Körperverletzung mit schweren Dauerfolgen (§ 85 StGB)
  • Körperverletzung mit tödlichem Ausgang (§ 86 StGB)
  • Freiheitsentziehung (§ 99) und Entführung (§§ 100 – 102 StGB)
  • Raub gemäß (§ 142 StGB)
  • räuberischer Diebstahl  (§ 131 StGB)
  • Vergewaltigung gemäß (§ 201 StGB)
  • schwerer sexueller Missbrauch von Unmündigen  (§ 206 StGB)

um nur die wichtigsten zu nennen. Wie bereits erwähnt, ist eine Voraussetzung für die Kostenübernahme, dass die Tat mit einer Freiheitsstrafe von mindestens sechs Monaten zu ahnden ist.

Wer hat Anrecht auf Unterstützung durch das Bundessozialamt?

Sowohl Personen, die unmittelbar Opfer eines oder mehrerer TäterInnen wurden, aber auch so genannte „Unbeteiligte“, die im Zuge der Tat eine Körperverletzung oder eine Gesundheitsschädigung erlitten haben bzw. Hinterbliebene und Kinder der Opfer sind im Verbrechensopfergesetz genannt.

Müssen die TäterInnen bekannt sein?
Nein – Verbrechensopfer bekommen auch dann finanzielle Unterstützung, wenn eine Anzeige „gegen Unbekannt“ vorliegt.

Muss eine Anzeige vorliegen?
Nein, es muss keine Anzeige vorliegen.  Es werden Verbrechensopfer auch dann finanziell unterstützt, wenn

  • die Tat bereits verjährt ist oder
  • der Aufenthalt der TäterInnen unbekannt ist oder
  • die TäterInnen nicht mehr am Leben sind
  • oder wenn die TäterInnen wegen Unzurechnungsfähigkeit nicht belangt werden können.

Das bedeutet, dass die Kosten für Psychotherapie auch übernommen werden können, wenn es um schwere Gewalterfahrungen in der Kindheit geht und die Tat viele Jahr zurückliegt - und dies aus Sicht der Psychotherapeutin schlüssig klingt.

Das Bundessozialamt wird den/die KlientIn in diesem Fall durch einen Arzt/eine Ärztin begutachten lassen. Aus einem Gespräch mit einem Beamten des BSB geht hervor, dass das Bundessozialamt sehr wohlwollend und fair mit diesen Fällen umgeht und bemüht ist, diese KlientInnen und die psychotherapeutische Behandlung nach bestem Wissen und Gewissen zu unterstützen.


Werden Psychotherapiekosten auch für Hinterbliebene übernommen?

Laut Gesetz haben im Falle eines Tötungsdelikts auch Hinterbliebene das Recht auf Unterstützung nach dem Verbrechensopfergesetz. Und sie haben damit auch ein Recht auf eine Kostenübernahme für Psychotherapie.

Welche StaatsbürgerInnen haben Anspruch auf diese Unterstützung?

Österreichische StaatsbürgerInnen haben jedenfalls Anspruch auf Unterstützung, EU- und EWR-StaatsbürgerInnen ebenso, sofern die Tat auf österreichischem Staatsgebiet oder auf einem österreichischen Schiff oder Luftfahrzeug begangen wurde (auch wenn sich dieses außerhalb Österreichs befand).

Personen mit anderer Staatsangehörigkeit mit rechtmäßigem Aufenthalt in Österreich haben das Recht auf Unterstützung, sofern die Tat nach dem 30. Juni 2005 auf österreichischem Staatsgebiet oder auf einem österreichischen Schiff oder Luftfahrzeug begangen wurde.

Welche konkreten Schritte sind notwendig, um die Kostenübernahme für Psychotherapie durch das Bundessozialamt zu erhalten?
Über die konkreten Schritte kann Ihre behandelnde Psychotherapeutin Auskunft geben.

Informationen darüber erhält die PsychotherapeutIn vom

Zuerst muss sie den üblichen Antrag an die Sozialversicherung auf teilweise Kostenübernahme (derzeit € 21,80) stellen. 

Sobald die Bestätigung der teilweisen Kostenübernahme von der Sozialversicherung vorliegt, kann der Antrag an das Bundessozialamt gestellt werden.

Die Psychotherapeutin kann mit dem Bundessozialamt direkt verrechnen. Das bedeutet für Sie als KlientIn, dass sie in Hinkunft die Kosten nicht auslegen müssen und damit keinerlei finanzielle Belastung haben.

Bis zur Entscheidung durch das Bundessozialamt ist eine Vorfinanzierung der Psychotherapie durch die private Partnerorganisation „Weiße“ Ring“ möglich. www.weisser-ring.at

In manchen Fällen wird die Kostenübernahme für Psychotherapie unbefristet bewilligt.
Im Zweifelsfalle – oder wann immer Sie Fragen haben oder etwas unklar ist, können Sie sich jederzeit an das Bundessozialamt wenden und erhalten dort Auskunft und konkrete Handlungsanweisungen.
Darüber hinaus bietet die Homepage einen guten Überblick über die Unterstützung für Verbrechensopfer.

So erfreulich diese Regelung ist, so schwierig ist ein Detail dieser Förderung: Falls die TäterInnen greifbar sind, muss das Bundessozialamt von TäterInnen die ausgelegten Kosten im Regressweg zurückfordern.

Sehr positiv ist, dass Kosten für Psychotherapie (und auch für andere unterstützende Maßnahmen) auch übernommen werden, wenn die TäterInnen unbekannt oder nicht mehr greifbar sind.
KlientInnen, die in ihrer Kindheit oder Jugend Gewalt erlebt haben und zum Beispiel an einer Posttraumatischen Belastungsreaktion leiden, profitieren von diesem Gesetz. Ihr PsychotherapeutIn kann Sie dabei unterstützen, kostenfrei eine psychotherapeutische Behandlung zu erhalten.

Weitere Informationen und der Antrag zum Download:

Auf der Homepage des Bundessozialamtes    www.bundessozialamt.gv.at
finden Sie unter folgender Adresse weitere Informationen und einen Antrag für Psychotherapie (es handelt sich um eine Word-Datei) zum Herunterladen

Den Gesetzestext finden Sie im Online-Strafgesetzbuch unter www.jusline.at/Strafgesetzbuch_(StGB).htm

Die Adresse der Homepage des Weissen Rings lautet www.weisser-ring.at

 

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