Ausgabe 2011 - 2   |   September 2011 - Februar 2012


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Angela Tichy

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Die Suche nach dem Glück
von Sabine Fabach (2011)

 

Wer will nicht glücklich sein? Wir alle tun sehr viel dafür, Tag für Tag bemühen wir uns darum, uns glücklicher zu fühlen oder um Unglück zu vermeiden.

Die Werbung erzählt uns immer wieder von neuen Möglichkeiten, die uns glücklich machen sollen. Wenn wir nur dieses Produkt kaufen oder uns mit jenem pflegen würden, dann werden wir erfolgreich oder klug oder schön sein und das wird uns dann glücklich machen. Wir suchen nach dem schönsten Outfit, dem coolsten Auto oder der besten Wohnung. Oder wenn wir nur die/den richtigen Partner_in haben, dann können wir endlich glücklich sein. Oder wenn wir nur den richtigen Job, die passenden Freund_innen oder den richtigen Guru finden könnnen, dann….. Oder wenn wir nur endlich genug Geld hätten oder genau dieses unglaublich tolle Handy, dann ….

Und kurzfristig funktioniert das ja auch. Wir fühlen uns gut und zufrieden, vielleicht sogar glücklich. Endlich haben wir es geschafft.
Aber nach einiger Zeit tauchen wieder Gefühle von Unzufriedenheit und Unsicherheit auf, etwas stört unser Glück. Also sind wir wieder damit beschäftigt, die vermeintlichen Ursachen dieser Störungen zu eliminieren. Wenn nur der/die Partner_in nicht so viel arbeiten würde, dann…., Wie kann ich es schaffen, dass die Nachbarn am Abend leiser sind oder meine Kollegin nicht immer so laut telefoniert und so weiter. Wir sind ständig am Arbeiten, um unser Glück zu vermehren und Störungen dessen auszuschalten. Wenn letzteres nicht möglich ist, wird es zur stätigen Quelle von Ärger und Vorwürfen.

Was all diesen Versuche gemeinsam ist, ist die Vorstellung, dass Glück etwas ist, was ich mir von Außen holen kann. Es ist die Vorstellung, wenn ich nur meine Welt entsprechend gestalten kann, dann stellt sich das Glück schon von selbst ein und damit bin ich voll beschäftig, meine Umwelt zu beeinflussen und zu gestalten. Aber diese Umwelt ist eigensinnig und ständig passiert etwas unvorhergesehenes und der gute Plan zum Glücklichsein fällt in sich zusammem. Wir werden wütend und versuchen mit viel Druck und Anspannung zu retten, was zu retten ist.

Ich glaube, wenn wir die Hälfte der Energie darauf verwenden würden, in uns selbst die Bedingungen zum Glücklichsein zu verbessern, haben wir ungemein höhere Chancen auf Erfolg.

Damit meine ich nicht, dass wir uns von all den Angenehmlichkeiten des Lebens abwenden sollen und unsere schöne Wohnung mit einem kleinem Zimmer vertauschen und dem Konsum abschwören sollen. Ein schönes Lebensumfeld, ausreichend finanzielle Mittel, Gesundheit und existentielle Sicherheit sind ein guter Rahmen für ein glückliches Leben, aber nicht Voraussetzung und nicht Bedingung.

Ohne die entsprechende innere Zufriedenheit und einem Gefühl von innerem Reichtum ist das Glück nicht von Dauer.

Es gab wissenschaftliche Untersuchungen, die das Glücksgefühl von Menschen, die einen Lottogewinn gemacht haben oder die nach einem Unfall querschnittgelähmt wurden, erfassten. Diese Studien zeigten, dass nach einem Jahr beide Gruppen ähnlich glücklich oder unglücklich waren wie vor dem lebensverändernden Ereignis. Ich fand diese Ergebnisse schon erschütternd und gleichzeitig sehr hoffnungsvoll.
Weil sie zeigen eine Möglichkeit auf, dass egal wie mein Leben verläuft, ich eine potentielle Möglichkeit habe, glücklich zu sein.

Also, wieviel investieren Sie bei Ihrer Suche nach dem Glück in äußere Umstände und viele in innere gute Umstände?

Der nächste wichtige Aspekt liegt in der Verbissenheit oder Entspanntheit bei der Gestaltung der inneren und äußeren Bedingungen.
Wie verbissen und aggressiv verteidigen Sie die guten Bedingungen gegenüber Störungen oder Verhinderer? Mir fallen hier Bilder von Eröffnungen von Räumungsverkäufen ein und mit welch Kampflust sich die Menschen in die Chance stürzen, etwas Geld zu „sparen“. 
Haben Sie ganz klare fixe Vorstellungen, wie die Dinge sein sollten, damit Sie glücklich sind? Dann kennen Sie sicher vielen Momente, wo sie sehr unglücklich waren, weil es anders gekommen ist als Sie es sich vorgestellt haben. Dh. je fixer und unflexibler ihre Vorstellungen sind, umso leichter kann sich das Unglück breitmachen.

Ähnliches gilt auch, wenn Sie sich aufmachen, die inneren Bedingungen zum Glücklichsein zu verbessern. Egal ob Sie sich in Psychotherapie begeben oder eine Yogakurs machen oder sich einer spirituellen Gruppe anschließen. Meinst haben wir recht klare Vorstellungen, was wir dort zu finden erhoffen und versuchen vielleicht mit aller Kraft, alles zu verdrängen oder zu bekämpfen, was nicht ihren Vorstellungen entspricht.

Sind Sie offener und flexibler,  können Sie (vielleicht) etwas anderes finden, das Ihnen weiterhilft und Sie zufriedener macht oder Sie können reichtzeitig weiterziehen, wenn Sie wirklich nicht an den für Sie passenden Ort gelandet sind.

Damit haben wir die zweiten hilfreichen Bedingung zum Glücklich sein: Offenheit und Flexibilität

Weiter fällt auf, dass die äußeren Bedingungen für Glück nicht dauerhaft sind. Wir essen unsere Lieblingstorte und das erste Stück lässt uns vor Genuss strahlen, wir sind glücklich. Ok, das wollen wir verlängern, also essen wir ein weiteres Stück und dann noch eines, aber spätestens beim dritten Stück wandelt sich der Genuss in Ekel und Übelkeit. Oder wir essen jeden Tag unser Lieblingsessen, nur zu bald können wir es nicht mehr sehen.

Oder ich denke an die felsenfeste Überzeugung eines Kindes: "Wenn ich nur diesen einen Gameboy bekommen, dann bin ich glücklich bis an mein Lebensende" oder an das Glück ein super neues Auto zu besitzten, letzteres hält oft nur bis zum ersten Kratzer. Dann muss es ein noch besseres, noch besonderes her, damit wir wieder glücklich sind.

Das Vergnügen, welches uns glücklich macht, braucht immer wieder eine Erneuerung und eine Steigerung gegenüber dem Alten. Die Suche nach Glück kann so auch zur Sucht werden, immer mehr oder ein immer größerer Kick, egal ob beim Sex, beim Essen oder im Sport.

Das bedeutet nicht, dass wir uns einen vergnüglichen Kinobesuch, der Genuss der Lieblingstorte oder das neues Handy gar nicht mehr gönnen dürfen, wir sollten uns nur bewusst sein, das diese Glück vergeht und nach Nachschub verlangt. Das hält auch die Wirtschaft am Laufen (mit all den schädlichen Nebenwirkungen der Umweltverschmutzung und Ausbeutung von Mensch und Ressourcen).

Dies war der dritte Aspekt. Die äußere Bedingungen zum Glück sind wesentlich vergänglicher als die inneren Bedingungen und verlangen immer nach einer Steigerung oder Auffrischung.

Wenn ich Menschen frage, was sie in ihrem Leben glücklich gemacht hat, bzw an welche Momente des Glücks sie sich erinnern, so erzähle sie oft von intensiven Naturerlebnissen, von besonderen Begegnungen mit anderen Menschen oder von Momente, in denen sie einfach Sein konnten, ohne Druck und Todo-Liste.

Das Gemeinsame an diesen Erinnerungen ist, dass diese Menschen mit all ihren Sinnen und ihrer Aufmerksamkeit im gegenwärtigen Moment waren. Ein atemberaubender Sonnenaufgang, das herzhafte Lachen mit Freund_innen oder ein wild-lustiges Badmintonmatch. Alle Sinne sind wach und auf das Hier und Jetzt gerichtet und dadurch erhält die Gegenwart eine frische farbenprächtige Intensität. Das Glück ist demnach nur im Moment zu genießen.
Dies setzt aber weiters voraus, dass wir gleichzeitig friedlich mit uns selbst sind. Also uns einmal so lassen wie wir sind und all das Selbstkritische und Unzufriedene mit uns selbst in den Hintergrund zu stellen.

Der vierte Aspekt wäre das Wahrnehmen der Welt im gegenwärtigen Moment und dem wohlwollenden friedlichen Sein mit sich selbst.

Wer mit Druck versucht glücklich zu sein, macht es sich so richtig schwer.

"Wer sich so richtig unglücklich machen möchte, der muss nur ganz verbissen darauf achten, dass er glücklich wird: am besten zu zweit, da stell sich das Unglück gleich doppelt ein. (Amsel Eder)

Wenn ich ständig im Kampf bin gegen die Dinge, die ich nicht haben will oder im Kampf um die Dinge, die ich haben will, stellt sich das Glück viel schwerer ein. Gelassenheit gegenüber den Zeiten, wo nichts funktioniert oder etwas anders kommt als geplant holt mich aus dem Kampfmodus gegenüber dem Leben.

Wenn ich es zulassen kann, dass ich auch mal unglücklich und unzufrieden bin und das einfach als Hinweis nehme, dass Veränderungen an der Zeit sind, setze ich mich nicht so unter Druck. Das führt zu mehr persönlicher Zufriedenheit und damit zu mehr  Offenheit gegenüber dem Schönen in meinem Leben.

Damit hätten wir den fünften Aspekt gefunden, wer auch unglücklich sein darf, kann auch glücklich sein.

Für viele Menschen ist eine gelungene Partnerschaft eine Grundbedingung fürs Glücklichsein. Für diese Menschen ist die Zeit des Singlelebens eine echte Qual und all die guten Ratschläge, doch die schönen Seiten des Singledaseins zu genießen blanker Hohn. Je mehr sich diese Menschen darauf fixieren, umso schmerzhafter oder beängstigender wird dieses Thema.

Dies gilt für den Fall, dass Sie eine Beziehung haben (Verlustangst, Eifersucht…) und dass Sie keine haben (Einsamkeit, Unzufriedenheit…). Dies zu ändern ist gar nicht leicht.

Wenigstens die Möglichkeit ins Auge zu fassen, auch Alleine glücklich sein zu können, wäre sicher hilfreich.

Als letzten siebten Aspekt möchte ich noch auf die Beziehung mit anderen Menschen generell eingehen.
Hier ist es hilfreich, auf die grundlegende Haltung gegenüber anderen zu achten. Sehe ich andere Menschen als grundsätzlich feindlich und bedrohlich an oder leben ich im Gefühl immer meine Bedürfnisse oder Anliegen gegenüber anderen verteidigen zu müssen, kann ich mich natürlich nie so entspannen und mich in der Welt aufgehoben fühlen.

Leichter ist es wenn ich davon ausgehe, dass auch andere nur auf der Suche nach ihrem Glück sind und nichts per se gegen mich haben, also ich mich auch nicht in ständiger Verteidigungsbereitschaft befinden muss.

Wenn ich meine Überlegungen noch einmal zusammenfasse:

  • Wenn wir unsere Energien zu gleichen Teilen auf die Gestaltung von guten Lebensbedingungen und zur inneren Weiterentwicklung aufwenden, haben wir höhere Chancen auf Glücklich sein.

  • Offenheit und Flexibilität gegenüber den Dingen des Lebens, gegenüber anderen Menschen und uns selbst ist hilfreich.

  • Die äußeren Bedingungen zum Glück sind wesentlich vergänglicher als die inneren Bedingungen und verlangen immer nach einer Steigerung oder Auffrischung.

  • Die Fähigkeit,  meine Welt immer wieder in Hier und Jetzt wahrzunehmen, in Kombination mit einer wohlwollenden und friedlichen Haltung mir selbst gegenüber.

  • Wer auch unglücklich sein darf, kann auch glücklich sein.

  • Eine Partner_innenschaft ist nicht Grundbedingung zum Glücklich sein.

  • Eine grundsätzlich positive Einstellung anderen Menschen gegenüber
    lässt mich entspannter und aufgehobener in der Welt fühlen.


Eines ist sicher, wir alle sind auf der Suche nach dem Glück oder nach einem glücklichem Leben. Wir haben wohl schon längst geahnt, dass beruflicher Erfolg, Geld und tolle Luxusartikel nicht reichen, um uns glücklich zu fühlen.

Wir alle versuchen, abhängig von unseren Vorbedingungen und Rahmenbedingungen das Beste aus unserem Leben zu machen. Ich finden diesen Gedanken immer wieder hilfreich, gerade auch dann, wenn andere mich ärgern oder unverständliche Dinge tun.

Wenn Sie für sich überlegen, wann Sie das letzte Mal glücklich waren oder was Ihnen hilft sich glücklich zu fühlen, vielleicht finden Sie noch weitere hilfreiche Strategien oder Haltungen. Wenn Sie sie  mit anderen teilen wollen, dann schreiben Sie mir ihre Erfahrungen und ich stelle es gerne online.

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Literaturempfehlungen:
Matthieu Ricard, „Glück“, Knaur Taschenbuch 2009
Pema Chödrön „Wenn alles zusammenbricht, Hilfestellung für schwierige Zeiten“, Goldmann TB, 2006

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