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Encountergruppen

Begegnung mit anderen und sich selbst


    von © Bettina Reinisch (2008)


    "Encounter" - Was soll das denn heißen? fragen Sie sich vielleicht. Der Begriff wurde in den 1960er Jahren geprägt, kommt aus dem Amerikanischen, bedeutet so viel wie "Begegnung" und genau darum geht's in so einer Gruppe. Um Begegnung - mit anderen - und mit sich selbst.
    "Personenzentriert" ("person centered") - so nannte der amerikanische Psychologe Carl R. Rogers seinen Therapieansatz, den er weiter entwickelte und für menschliche Begegnungen aller Art als förderlich erachtete.
    Im folgenden soll es darum gehen, Ihnen ein wenig zu vermitteln, wie solche Gruppen ablaufen können, damit Sie sich darunter mehr vorstellen können.

    Wie läuft eine Encountergruppe ab?

    Eine schwierige Frage. Oder doch ganz einfach zu beantworten: jedes Mal anders. Das mag banal klingen - schließlich wissen wir alle, dass Gruppen jedes Mal - zumindest ein wenig - anders ablaufen, dass der Verlauf von unterschiedlichen Faktoren, z.B. stark von den Mitgliedern der Gruppe und ihrem Verhalten abhängt.
    Aber viele Gruppen sind inhaltlich - wenigstens ein bisschen - strukturiert - und genau das ist bei Encountergruppen gewöhnlich nicht der Fall.

    Es handelt sich also um inhaltlich unstrukturierte Gruppen. Was in einer Encountergruppe besprochen, welche Themen behandelt werden, kann im vorhinein nie gesagt werden. Denn dies entwickelt sich aus dem Prozess heraus.

    Ein weiterer Begriff, der Ihnen vielleicht seltsam vorkommt. Der "Prozess", damit ist gemeint, was abzulaufen beginnt, wenn Menschen sich in einem Raum versammeln und miteinander Zeit verbringen.

    Aha, werden Sie jetzt sagen, eine Encountergruppe läuft also eine bestimmte Zeit in einem Raum ab. Genauso ist es. Wenn Sie sich zu so einer Gruppe angemeldet haben, bekommen Sie im Vorhinein (für Sie vielleicht erschreckend) ziemlich wenig Information. Manche VeranstalterInnen solcher Gruppen haben einen Hang zum Minimalismus und verraten Ihnen nur Beginn- und Schlusszeit und Ort und vielleicht auch den Namen eines oder mehrerer "Facilitators". Und das wars dann schon! Andere teilen mehr mit, beschreiben vielleicht auch, was sie mit so einer Gruppe im Sinn haben.

    A propos - "Facilitator" - schon wieder so ein seltsamer Begriff. Sie denken vielleicht, so nennen sich die LeiterInnen bei diesen "Personenzentrierten" - und damit liegen Sie richtig, und auch wieder nicht. Denn ein "Facilitator" - der Begriff stammt auch von Carl Rogers, ist jemand, der oder die da ist, um einen konstruktiven Prozess zu "fördern" oder zu "erleichtern". "LeiterIn" heißt es nicht, weil eben nicht geleitet werden soll. Was die Gruppe inhaltlich machen will, welche Themen sie besprechen will, bleibt den TeilnehmerInnen in der Regel überlassen.

    Nehmen wir einmal an, Sie waren mutig und haben sich zu so einer Gruppe angemeldet.
    Sie kommen zur vereinbarten Zeit zum vereinbarten Ort, werden dort (vielleicht) von jemandem begrüßt, finden dort (hoffentlich) einen Raum, vielleicht mit einem Sesselkreis, vielleicht auch ganz leer. Sie treffen auf andere Mutige, manche haben vielleicht schon Platz genommen, andere stehen noch herum. Zur vereinbarten Zeit suchen Sie sich auch einen Platz und dann registrieren Sie, dass die Türen geschlossen wurden. Es scheint also beginnen zu können. "Es". Das klingt schon wieder so seltsam, oder? Was ist denn dieses "es", das nun beginnen soll? fragen Sie sich vielleicht.

    Was nun beginnen kann, und meistens auch beginnt, ist ein - bereits erwähnter - Gruppenprozess. Wieder kann ich nichts Verbindliches darüber sagen. Es kann sein, dass der/die Facilitator zu reden beginnt und die Gruppenmitglieder begrüßt. Es kann auch sein, dass er oder sie sich vorstellt, und dann in Schweigen verfällt. Es kann auch sein, dass niemand redet und das weitere 20 Minuten so bleibt. Oder dass eine TeilnehmerIn zu sprechen beginnt.

    Vieles ist vorstellbar, die unterschiedlichsten Anfänge habe ich schon erlebt. (Ich selbst - Sie haben es vermutlich schon geahnt - nehme sehr gerne an Encountergruppen teil, initiiere und begleite sie auch als Facilitator und habe in den vergangen 20 Jahren viele Stunden und Tage in Encountergruppen verbracht.)

    In diesem Stil geht es weiter. Worüber ab jetzt gesprochen (oder auch geschwiegen wird), liegt weitgehend in der Kompetenz jeder/s einzelnen. Es gibt Gruppen, die in lebhafte Diskussionen geraten, andere, die sich entwickeln wie ein dunkler, tiefer Fluss, beinahe meditativ. In so einer Gruppe kann eine Atmosphäre entstehen, in der sich jede TeilnehmerIn sicher und angenommen fühlt. Und dies ist Grundvoraussetzung, um sich selbst näher zu kommen und sich selbst besser verstehen zu lernen.

    Encountergruppen in Kürze:

    Personenzentrierte Encountergruppen sind unstrukurierete Selbsterfahrungsgruppen, in denen (zumeist) inhaltlich nichts vorgegeben wird.

    In der Regel werden sie begleitet von einem oder mehreren sogenannten "Facilitator(s)", die mit einer besonderen Haltung in die Gruppe hineingehen sollte. Diese Haltung orientiert sich am Personenzentrierten Ansatz von Carl Rogers.

    Encountergruppen sind an jedem Ort vorstellbar, wo es für eine Gruppe möglich ist , ungestört zu sein und sich sicher zu fühlen.

    Es gibt kurze Gruppen, die nur wenige Stunden dauern, und andere, die über acht Tage oder sogar länger gehen.
    Teilnehmen kann grundsätzlich jede Person, sofern nicht gesundheitliche Gründe dagegen sprechen.


    aus: Frauensache-Zeitung, 9.Jahrgang, 2008-1