Frauensache(n) im Netz













 







P S Y C H O T H E R A P I E   M I T   L E S B I S C H E N   F R A U E N

gleich oder doch anders?


    von © Maga. Sabine Fabach (2001)



    Die grundsätzliche Frage lautet: Ist zusätzliches Wissen erforderlich, sind besondere Aspekte zu berücksichtigen oder reicht die allgemeine psychotherapeutische Erfahrung völlig aus, wenn frau/man mit lesbischen Klientinnen arbeitet?

    An der Eingangsfrage wird bereits ersichtlich, dass es in diesem Artikel nicht darum geht, ob lesbische Lebensweisen eine gleichwertige Beziehungsform zur Heterosexualität darstellt, (davon gehe ich aus), sondern ob spezifische Weiterbildungen und Selbstreflexionen seitens der TherapeutInnen erforderlich sind oder nicht.

    Homophobie

    Ich möchte mit dem Begriff der Homophobie [1] beginnen.
    Wir alle wachsen in einer von der heterosexuellen Norm geprägten Umwelt auf und wie der Begriff Norm schon sagt, das Heterosexuelle ist das "Normale" und alles davon Abweichende ist "nicht normal". Dieses "Nicht- Normale" ist vorerst entweder minderwertig, schlecht oder bemitleidenswert krank. Wie bei anderen Vorurteilen auch, bedarf es einer kritischen Auseinandersetzung mit den eigenen Normen und Werten, um diese zu reflektieren.
    Im Fall der Homophobie bedarf es aber noch der Reflexion der eigenen Sexualität. Wenn nicht über Sexualität offen gesprochen werden kann, (ob in Ausbildung oder Eigentherapie) kann die eigene Homophobie nicht bewältigt werden.

    Vorurteile gegenüber Lesben und Schwule sind heutzutage bei den meisten TherapeutInnen inakzeptabel. Was aber leider nicht bedeutet, dass sie nicht mehr vorhanden sind. Sie sind subtiler geworden, da das Über-Ich Offenheit und Wertfreiheit fordert.
    Riddle & Sang (1978) weisen darauf hin, dass TherapeutInnen ihre Voreingenommenheit auf eine der folgenden drei Arten zeigen:
    1) indem sie sich offen dazu bekennen, Lesben "heilen" zu wollen,
    2) indem sie glauben, ihre Vorurteile wären irrelevant oder
    3) indem sie glauben, sie hätten keine Vorurteile

    TherapeutInnen, die unter Punkt 1) fallen, sind inzwischen selten geworden.
    Ein Zeichen, dass TherapeutInnen Homosexualität nicht mit der gleichen Wertung begegnen, ist die oft gestellte Frage nach den Ursachen lesbischen Begehrens. Die Frage nach der Ursache weist immer auf eine Abweichung vom "Normalen" hin, im Sinne "was ist schief gelaufen" und pathologisiert damit indirekt lesbisches Begehren.

    Ein oft beobachtetes Phänomen ist die Verleugnung der Differenz zwischen Lesben/Schwulen und Heterosexuellen im Sinne, "wir sind alle gleich und leiden an den gleichen Dingen" usw.. In diesem Fall kann es passieren, daß beide gemeinsam, TherapeutIn und KlientIn, die Verletzungen aufgrund von Diskriminierungen, sowie die Erfahrungen, einer Randgruppe anzugehören, verleugnen.

    Schwer zu erkennen ist auch die unterschwellige Bewertung der verschiedenen Formen der Lebensgestaltung. Eine heterosexuelle Liebesbeziehung wird in diesem Fall als die natürlichere und erfüllendere Beziehungsform vermittelt.
    Homosexualität ist somit nur ein Lösungsversuch eines innerpsychischen Konfliktes und durch die Aufarbeitung dieses Konfliktes auflösbar.

    Ein weiterer Aspekt, der sic hinter einer scheinbaren liberalen Einstellung verstecken kann, ist Mitleid. Dies resultiert meist aus der Annahme, lesbisches Begehren sei angeboren, d.h. die "Betroffene" kann nichts für ihre sexuelle Orientierung und wird als "armes Wesen" betrachtet, welches ihr "schweres Los" tragen muß. Mitleid entwertet eine Person und verhindert Respekt und Wertschätzung, welche für mich eine der wichtigsten Grundhaltungen in der therapeutischen Arbeit darstellen.

    Auch das Annehmen erotischer Gefühle in der therapeutischen Beziehung wird um so schwieriger, je bedrohlicher die eigenen homoerotischen Gefühle seitens der Therapeutin erlebt werden. Wenn die Tatsache, für eine Frau als Frau begehrenswert zu sein, ein Gefühl von Verunsicherung und Abwehr auslöst, stellt dies für die Klientin eine mangelnde Wertschätzung ihrer Gefühle dar. Gewisse Themen wie z.B. Sexualität werden ausgeklammert und das Vertrauen in die Beziehung erschüttert.

    Eine sehr verunsichernde Situation entsteht, wenn sich eine lesbische Klientin in ihren männlichen Therapeuten verliebt. Ein homophobe Therapeut würde dies vorschnell als Zeichen deuten, dass die Klientin in Wirklichkeit heterosexuell sei.
    Damit geht er am Erleben der Klientin völlig vorbei und zeigt, daß er vom menschlichen Begehren keine Ahnung hat. Gefährlich wir es, wenn diese Konstellation im Therapeuten erotische Heilungsphantasien weckt, im Sinne einer Heilung ihrer Homosexualität durch den "richtigen" Mann (damit meint er sich selbst). Die daraus resultierende Traumatisierung hat schwerwiegende psychische Folgen.

    Anschneiden möchte ich hier auch noch die Auswirkungen von Diskriminierungserfahrungen als mögliche Themen im therapeutischen Prozess.

    Misstrauen
    Beginnen werde ich mit einem Aspekt, der vor allem dann akut wird, wenn frau sich die Therapeutin/Beraterin nicht selbst aussuchen kann, z.B. in der Psychatrie, in Beratungseinrichtungen oder Ausbildungsvereinen.
    Gemeint ist ein verstärktes Mißtrauen gegenüber der Therapeutin / den Therapeuten. Dieses Mißtrauen ist als wichtiger Schutz gegen neuerliche Verletzungen aufgrund Nichtakzeptanz der sexuellen Orientierung zu verstehen.
    Dies undifferenziert als Ausdruck einer neurotischen Abwehr zu deuten, würde an der Lebensrealität lesbischer Frauen vorbeigehen. Denn dieses Mißtrauen ist durchaus verständlich, da nahezu alle Lesben bereits die Auswirkungen von Diskriminierung in offener, aber auch subtiler Form, erlebten.
    Dazu kommt die berechtigte Vorsicht der Institution Psychotherapie und Psychiatrie gegenüber, welche lesbische Lebenweisen über lange Zeit pathologisierte (und es teilweise immer noch tut). Immer wieder berichten lesbische Frauen, daß sie den Bereich der Sexualität aus ihrer Therapie ausklammern mußten, da sie sich hier nicht verstanden oder manipuliert fühlten oder dass ihr Lesbisch-Sein von Seiten der Therapeutin oder des Therapeuten negativ bewertet wurde.

    Phasen
    Generell sollte dem Faktum, daß die Klientin einer diskriminierten Randgruppe angehört berücksichtigt werden, da dieser Aspekt Auswirkungen auf Identität, Selbstwert und Beziehungsgestaltung haben kann. Hier ist zu berücksichtigen, in welcher Phase des Coming-Out sich die Klientin befindet.
    Die Integration einer lesbischen Identität in die Gesamtidentität einer Person ist ein langwieriger Prozess, in dem sich unterschiedliche Themenschwerpunkte auch für den therapeutischen Prozess ergeben.
    Dies kann von Stolz auf die lesbische Lebensweise über gesteigerte Angst vor Diskriminierung bis hin zur völligen Leugnung von Diskriminierung reichen.
    Zum Beispiel kann der Stolz auf die eigene Lebensweise und die ausgeprägte Differenzierung zu allem Heterosexuellen eine wichtige Funktion in der Akzeptanz des eigenen Lesbisch-Seins erfüllen und sollte auf keinen Fall als übertrieben bewertet oder gar pathologisiert werden.

    Anders-Sein
    Das frühe Erleben des "Anders-Seins" oder "Nicht-Richtig-Seins" in der Pupertät löst Gefühle der Einsamkeit und des Ausgeschlossenseins aus und dies prägt das eigene Selbstbild. Viele Rituale der Pupertät werden als unangenehm erlebt. Da es hierbei meist um die Definition von Mann und Frau geht, ist die Verunsicherung verständlicherweise groß.

    Am Beginn des Coming-Outs können auch verstärkt Angststörungen auftreten. Je außenorientierter eine Frau erzogen wurde, umso dramatischer erlebt sie den Konflikt, den ihre Gefühle mit ihrem Wunschselbstbild austragen.
    Auch das Thema Outing gegenüber Eltern oder am Arbeitsplatz kann zu einem wichtigen Thema in Therapien werden, da der Aspekt Abgrenzung und Behauptung der eigenen Indiviualität gegenüber Anderen eine weitere, oft sehr bedrohliche Dimension annimmt.
    Gerade beim Thema Arbeitsplatz verharmlosen viele Frauen die Auswirkungen ihres Andersseins im Sinne von "mein Privatleben geht eh niemanden was an", vergessen aber zu leicht, dass sie bei den für das Betriebsklima wichtigen Gesprächen über z. B. Wochenendaktivitäten nicht mithalten können und so leicht in die Rolle der Aussenseiterin im Büro rutschen. Einige lösen diesen Konflikt durch die Erfindung eines männlichen Partners, was wiederrum zu vermehrtem Stress führt, da frau sich nicht versprechen darf.

    Die Ängste vor Diskriminierung und Abwertung durch andere müssen immer wieder hinterfragt werden, inwieweit sie real sind oder nur innere Ängsten widerspiegeln. Die Einschätzung ist schwierig und fordert sehr behutsame Unterstützung seitens der Therapeutin, da es ja die Klientin ist, die dann mit den Konsequenzen leben muß.

    Trauer
    Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Trauer um den Verlust der heterosexuell geprägten Bilder von einem glücklichen Leben. Diesen Abschied müssen vor allem Frauen vollziehen, die sich nicht schon in jungen Jahren geoutet haben. Von Kind auf zeigt uns Tradition und Werbung Bilder einer glücklichen heterosexuellen Familie mit Kind, Haus und Hund. Die Träume sind in uns verankert.
    Und von diesen muß eine Lesbe Abschied nehmen. Auch wenn Sie jetzt argumentieren, dies ist doch auch für ein lesbisches Paar möglich, empfinden es einige Frauen doch als Verlust. Denn Gefühle wie Sicherheit und Geborgenheit, gesellschaftliche Eingebundenheit schreiben sie nur den traditionellen Beziehungen zu.
    Trauerarbeit ist notwendig, bevor neue Zukunftsperspektiven erarbeitet werden können. Der Kontakt mit der lesbischen Communitiy und der Aufbau eines lesbischen Freundinnenkreises hilft, neue Bilder zu entwickeln.
    Wenn Sie sich erinnern, meine Anfangsfrage lautete, bedarf es spezieller Fortbildungen um kompetent mit lesbischen Frauen zu arbeiten? Ich denke "ja", wie auch bei anderen Themen, z.B. Arbeit mit Migrantinnen oder Frauen, die von Gewalt betroffen sind, Fortbildungen zu kompetenten und verantwortungsbewussten Arbeiten beitragen, ist in der Arbeit mit lesbischen Frauen Vorurteilsfreiheit und Wissen notwendig.

    Diejenigen, die diese Frage mit ebenfalls mit "ja" beantworten und die nach diesem kurzen Abriss neugierig geworden sind und der eigenen "Vorurteilsfreiheit" nicht mehr ganz trauen, lade ich im Frühjahr 2001 zu einem Fortbildungsseminar im Rahmen des Instituts Frauensache ein.

    Literatur:
    Riddle, D.I.,& Sang,B. (1978) Psychotherapy with Lesbians. In: Journal of Social Issues, 34(3), 84-100. Zitiert in: Falco, L. Kristine (1993) Lesbische Frauen: Lebenswelt-Beziehungen-Psychotherapie. Matthias-Grünewald-Verlang: Mainz.


    [1 ] Homophobie meint die unbegründete Angst, Abwertung oder Abscheu vor Lesben, Schwulen und Bisexuellen.



    Weitere Literatur zum Thema "lesbsiche Frauen":

    Allport, W. Gordon (1971) Die Natur des Vorurteils. Kiepenheuer & Witsch : Köln

    Dürmeier, Waltraud u.a. (Hrsg) Wenn Frauen Frauen lieben,...und sich für eine Selbsthilfe-Therapie interessieren. Verlag Frauenoffensive. München

    Fabach, Sabine (1993) Der Mythos der Lesbe. Bewußte und unbewußte Phantasien in der filmischen Inszenierung von lesbischen Frauen. Unveröff. Diplomarbeit. Wien.

    Falco, L. Kristine (1993) Lesbische Frauen: Lebenswelt-Beziehungen-Psychotherapie. Matthias- Grünewald-Verlang : Mainz.

    Gissrau, Barbara (1993a) Sympathie für die "Anormalität"? Ist Homosexualität an sich eine Krankheit. In: Alves, Eva Maria (Hrsg.), Stumme Liebe, der "lesbische Komplex" in der Psychoanalyse (1993), Kore Verlag: Freiburg.

    Gissrau, Barbara (1993b) Die Sehnsucht der Frau nach der Frau- Das Lesbische in der weiblichen Psyche. Kreuz-Verlag:Zürich.

    Goffman, Erving (1975) Stigma. Suhrkamp:Frankfurt/Main.

    Hark, Sabine (Hrsg.) (1996) Grenzen lesbischer Identitäten. Querverlag:Berlin.

    Hauberger, Doris (1996) Coming-Out im Off. Lesbische Mädchen in der außerschulischen Jugendarbeit. In: Verein EfEU & BM für Umwelt, Jugend und Familie (Hrsg), Plattform gegen die Gewalt in der Familie: "Gewaltprävention durch Mädchen- und Bubenarbeit in der außerschulischen Jugendarbeit" Wien.

    Hauberger, Doris; Pankratz, Helga (1989) Gleichgeschlechtliche Partnerschaften, Beziehungszufriedenheit und Darstellung der Beziehung. In: Störfaktor 11, 1989, Heft 2, Jg.3. Wien. S.46 - 60.

    Hey, Barbara; Pallier, Ronald; Roth, Roswitha (Hrsg.)(1997) que(e)rdenken - homosexualität und wissenschaft. Studien Verlag: Innsbruck-Wien .

    Lautmann, Rüdiger (1984). Der Zwang zur Tugend. Die gesellschaftliche Kontrolle der Sexualitäten. Suhrkamp Verlag: Frankfurt/Main.

    Loulan, JoAnn; Nichols, Margaret; Streit, Monica. u.a. (Hg.) (1992) Lesben, Liebe, Leidenschaft. Texte zur feministischen Psychologie. Orlanda Frauenverlag:Berlin. Ohms, Constance (Hg)./1993) Mehr als das Herz gebrochen. Gewalt in lesbischen Beziehungen. Orlanda Frauenverlag:Berlin.

    Ohms, Constance (2000) Gewalt gegen Lesben. Querverlag:Berlin.

    Sasse, Birgit (1995) Ganz normale Mütter. Lesbische Frauen und ihre Kinder. Fischer Verlag.Frankfurt/Main.

    Tichy, Angela (1995) Zur Situation lesbischer Frauen. In: Bericht über die Situation der Frauen in Österreich, Frauenbericht 1995, Bundesministerium f. Frauenangelegenheiten/-Bundeskanzleramt, Wien. 557- 566.

    Tichy, Angela (1996). Frauen, Liebe und Macht. Unveröff. Diss. Universität Wien.

    Till, Wolfgang (1989) Über die Zusammenhänge von Homosexualität diskriminierenden Normen der Umwelt und Selbstdiskriminierung bei homosexuellen Männern anhand ausgewählter Fallbeispiele. In: Störfaktor 11, Homosexualitäten, Heft 2, Jahrgang 3, 1989, S.20-32. Wien.

    Alle Bücher im Buchladen "Frauenzimmer" erhältlich.