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"Du bist nicht schuld!"

Über die Spätfolgen von sexuellem Missbrauch


    von © Bettina Reinisch (2005)



    Immer wieder geistern Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch durch die Medien. Doch wie sieht die Situation für betroffene Frauen wirklich aus?

    Ich gehe - in Übereinstimmung mit seriösen Studien - von folgenden Annahmen aus:

  • Sexueller Missbrauch an Kindern ist kein Einzelfall (ExpertInnen sprechen davon, dass etwa jede vierte bis sechste Frau vor ihrem 16. Lebensjahr mindestens einmal sexuell missbraucht wurde)
  • Mehr als 90 Prozent der Täter kommen aus dem engsten Familien- und Bekanntenkreis.

  • Wie gehen die Täter vor?

    In der Realität geschieht dieser Prozess zumeist schleichend. Nicht selten läßt sich der Täter Zeit, "erobert" das Kind über Wochen oder Monate hinweg, versucht, sich in das Vertrauen des Kindes einzuschleichen, verführt das Kind Schritt für Schritt. Die natürliche Neugier des Kindes wird missbraucht ("Komm, ich zeig Dir was Tolles!"), das Kind bekommt oftmals vom Täter viel Zuwendung und Aufmerksamkeit.

    Wenn der Täter den Zeitpunkt für günstig erachtet, weil er sich sicher fühlt, unbeobachtet mit dem Kind ist und davon überzeugt sein kann, dass er das Kind in seiner Hand hat, fordert er es zu sexuellen Handlungen auf. Dabei werden Kinder zu allen erdenklichen sexuellen Praktiken gezwungen oder mit pornographischem Material (z.B. Fotos, Videos etc.) konfrontiert

    Praktisch alle Altersgruppen sind betroffen, selbst Säuglinge werden Opfer sexuellen Missbrauchs.

    Hand in Hand mit dieser Tat geht zumeist eine Drohung des Täters: "Wenn Du jemandem verrätst, was wir hier gemacht haben, passiert etwas Fürchterliches!" Vor allem Kinder, die in der eigenen Familie missbraucht werden, werden dadurch vollkommen eingeschüchtert und verängstigt. Oft bleibt ihnen nichts anderes übrig als zu schweigen - nicht selten behalten sie die Erinnerung an das Erlebte ihr ganzes Leben für sich.

    Aus dieser Beschreibung geht bereits hervor, warum sexueller Missbrauch für ein Kind besonders schwer zu verarbeiten ist und die betroffene Person bis ins Erwachsenenalter verfolgt.


    Förderliche psychologische Bedingungen für die gesunde Entwicklung eines Menschen.

    Der unbekümmerte Körperkontakt zwischen Eltern und Kind ist geradezu eine Voraussetzung für die gesunde seelische Entwicklung.
    Wird ein Kind sexuell missbraucht, so wird die Möglichkeit auf "unbekümmerten" Kontakt zerstört. Der Körperkontakt, der eben noch als angenehm und ich-stärkend empfunden wurde, wird bedrohlich und zu einer Erfahrung, die nicht eingeordnet werden kann. Dieselbe Person, die das Kind eben noch als Beschützer, Förderer und freundlichen Erwachsenen erlebt hat, wird plötzlich zum bedrohlichen Monster.


    Die psychischen Auswirkungen für das Kind

    Unmittelbar erlebt das Kind Vertrauensverlust, Angst, Schuld- und Schamgefühle, Ohnmacht, Zweifel an der eigenen Wahrnehmung, Rückzug in sich selbst und Rückzug in die Sprachlosigkeit. Oft versteht es nicht, was da mit ihm geschehen ist und kann es daher nicht einordnen. Das zentrale Moment ist jedoch der enorme Geheimhaltungsdruck und das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Täter und Opfer.

    Das Kind gerät in einen Loyalitätskonflikt, da es den Täter gleichzeitig liebt und fürchtet. Den Tätern gelingt es fast immer, das Opfer zu überzeugen, dass es irgendwie "selber schuld" sei am Missbrauch.

    Und nicht nur dieses Gefühl - selbst schuld zu sein und sich schämen zu müssen - wirkt bis ins Erwachsenenalter weiter.


    Die Folgen im Erwachsenenalter

    Wer in der Kindheit oder Jugend sexuell missbraucht wurde, kann im Erwachsenenalter an den unterschiedlichsten und unerklärlichsten Symptomen leiden - die als "Bewältigungsstrategien" zu verstehen sind: Suchterkrankungen, selbstschädigendes Verhalten, Angststörungen, Beziehungsstörungen, Sexualstörungen, um nur einige zu nennen. (Es muss aber auch betont werden, dass nicht jedes der angeführten Symptome ein Hinweis dafür ist, dass die Person in der Kindheit sexuell missbraucht wurde!)

    Ob und wie man als Betroffener im Erwachsenenalter an den Folgen von Missbrauchserfahrungen leidet, hängt mit mehreren Faktoren zusammen.

    Unter anderem ist es wesentlich, wer der Täter war (ob ein naher Verwandter oder ein Fremder), ob der Missbrauch eine einmalige Angelegenheit war oder über Jahre hinweg ertragen werden musste, zu welchen Handlungen man gezwungen wurde etc.

    Das Schlimmste jedoch scheint zu sein, dass zumeist ein Mantel des Schweigens über das Erlebte gehängt wurde und wird. Das Kind kann niemandem seine Verwirrung, seine Angst und alles was mit dem Ereignis zu tun hat, mitteilen. Dieses Schweigen verursacht, dass das Kind keine adäquaten Mittel zur Verfügung hat, das Erlebte einzuordnen und damit auch zurechtzukommen.

    Was ich einer Person empfehlen würde, die in Kindheit oder Jugend sexuell missbraucht wurde, läßt sich in folgenden Sätzen zusammenfassen:

    Sexuellen Kindesmissbrauch zu bewältigen und zu einem "normalen" Leben zu finden, ist harte Arbeit. Es bedeutet, sich auf eine Art innere Wanderung zu begeben, deren Verlauf und Dauer frau am Anfang nicht abschätzen kann.

    Doch die Anstrengung lohnt sich, Missbrauch kann bewältigt werden.