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Mythos Mutterliebe


    von © Renate Kromer (2003)



    Vorneweg kann behauptet werden, dass im Bereich Mutterschaft es jede Frau eigentlich nur falsch machen kann. Die Umgebung wird auf jeden Fall kritisieren.
    Im einen Fall die Vollzeitmutter und Hausfrau, die ein unbefriedigendes Dasein lebt, finanziell vom Ehemann abhängig ist und jede Menge Zeit für "Unnützes" zur Verfügung hat.
    Auf der anderen Seite die berufstätige Mutter, freiwillig oder gezwungener Maßen, die zwischen Arbeit und Kindern hin - und her hetzt, die Kinder in fremde Obhut gibt und gar nichts mehr für sich selbst tun kann.

    Mütter tun auf jeden Fall das Falsche und haben Schuld, falls sich die Kinder nicht optimal entwickeln.

    Sieht man die Medien aufmerksam durch, so fällt auf, dass Mutterschaft anscheinend wieder groß in Mode ist. Die sogenannten Powerfrauen präsentieren stolz ihre Babybäuche und in der Folge ihre niedlichen Kinder. Kind und Karrieren schaffen sie locker, alles nur eine Frage der Einteilung (und der finanziellen Möglichkeiten, das steht allerdings meistens nicht dabei).

    Aber auch die "neuen" Mütter, die ihren Beruf aufgeben um sich ganz um den Nachwuchs kümmern zu können, tauchen aus der Versenkung auf. Wohl nicht ganz zufällig in einer Zeit wo Arbeitsplätze knapp werden und die Konkurrenz am Arbeitsmarkt zunimmt. Es ist nicht neu, dass in wirtschaftlichen Krisenzeiten versucht wird, Frauen auf ihre traditionelle Mutterrolle zu reduzieren. Dabei wird suggeriert, dass Mutterschaft eine Aufwertung der Frau darstellt, und ihre eigentliche Bestimmung bedeutet.

    Manche Frauen sehen darin auch einen Weg dem Druck am Arbeitsplatz zu entfliehen. Doch für viele ist dieser Weg weder finanziell noch von ihrem Selbstverständnis her gangbar. Zu groß ist die Angst vor Scheidung oder mangelnder Versorgung im Alter. Nichtsdestotrotz erzeugt die Verherrlichung der stets glücklichen und zufriedenen Vollzeitmutter Schuldgefühle.

    Ein anderer Mythos ist, dass ein Kind eine Beziehung krönen soll, dass wenn erst einmal ein Kind da ist, die Konflikte weniger werden, der Mann als Vater sich ändern wird.
    Zumindest jeder der selbst Kinder hat weiß, dass das Gegenteil der Fall ist. Der Übergang vom Paar zur Familie ist mit großen Belastungen verbunden, nicht zufällig werden viele Scheidungen nach der Geburt des ersten Kindes eingereicht.

    Die Ansprüche, die an eine "gute Mutter" gestellt werden, werden immer umfangreicher. Es wird erwartet, dass die junge Mutter alle an sie gestellten Erwartungen erfüllt, obwohl auch sie aus dem Berufsleben kommt und meistens das erste Baby im Arm hält. Entspannt und glücklich sollen Stillen, Pflege, Arzttermine etc. sowie das Befolgen von psychologischen Ratschlägen erledigt werden. Für das Bewahren dieser "Idylle" ist nach wir vor in erster Linie die Mutter zuständig.

    Natürlich ist ein Tag mit einem Kleinkind schön und voller kleiner Wunder, gleichzeitig entsteht aber häufig eine psychische Über- und gleichzeitig auch Unterforderung. Die Diskrepanz zwischen Vorstellung und Realität wird oft als persönliches Scheitern empfunden. Weiters ist es so, dass je isolierter und symbiotischer die Mutter-Kind-Beziehung ist, desto geringer ist das Selbstwertgefühl der Mutter. Der Ablösungs- und Ich-Findungsprozess des Kindes wird eher erschwert als gefördert. Bestrebungen des Kindes neue Welten zu entdecken werden als Bedrohung empfunden, das Kind als undankbar und trotzig benannt.

    Dieser Stress erzeugt Wut, auch gegen das Kind. Frauen, die in der Erziehungssituation überfordert sind und ihre Gefühle schlecht kontrollieren können, werden manchmal zu mißhandelnden Müttern. Die Überforderung entsteht, weil die Mutter von sich selbst absolute Perfektion fordert. In unserer Arbeit mit gewalttätige Eltern haben wir nur sehr selten mit psychisch schwer gestörten Menschen zu tun. Die meisten wollen "das Beste" für ihr Kind. Das Eltern auch negative Gefühle gegenüber ihren Kindern haben ist ganz normal, kann aber kaum zugegeben werden. Zu stark wirken die idealisierten Vorstellungen der Gesellschaft.

    Obwohl sich zunehmend mehr Väter an der Betreuung der Kinder beteiligen, werden doch in erster Linie die Frauen am Ergebnis der Mutterschaft gemessen. Vom werdenden Vater wird nicht verlangt beruflich zurückzustecken. Im Gegenteil, er muss jetzt ja eine Familie ernähren und deshalb noch mehr arbeiten. Dieses Bild besteht sogar bei Familien in denen beide Partner annähernd gleich viel verdienen. Wenn schon sehr wenige Väter in Karenz gehen, wie wenige bleiben zuhause, wenn das Kind krank ist!

    Kinder und Beruf zu vereinbaren ist eine schwierige Sache (das wissen wir aus Erfahrung und erleben es tagtäglich), gleichzeitig wollen aber viele Paare nicht auf Kinder verzichten. Doch die Geburtenrate sinkt kontinuierlich - vermutlich ein Hinweis, dass junge Menschen mit den Möglichkeiten Beruf und Familie zu verbinden, unzufrieden sind.

    Ob der Spagat zwischen Kind und Job gelingt, können nur die einzig wahren Experten feststellen: die Kinder. Es ist eine Binsenweisheit, dass Kinder nur dann glücklich sind, wenn es den Eltern gut geht. Zu einem selbstbestimmten Leben gehört für viele junge Frauen ein Beruf, den man gut und gerne ausübt, ganz einfach dazu.

    Eine großangelegte Studie aus den USA (Study of Early Child Care , National Institute of Child Health) zeigt, dass Kleinkinder im Alter von 15 Monaten keine schlechtere Beziehung zur Mutter haben, wenn sich diese nicht ausschließlich um sie kümmert. Und ein sicheres Bindungsverhalten gilt in der Psychologie als Voraussetzung für ein gesundes späteres Sozialverhalten.
    Mädchen zeigten sogar eine bessere Sozialentwicklung, sie sind unbekümmerter, eigenständiger und selbstbewußter. Natürlich gilt das nur für einfühlsame Mütter und wenn die Kinder in qualitativ hochwertigen Kinderbetreuungsplätzen untergebracht sind. Die Zeit, die man mit dem Kind verbringt, soll gut genutzt werden, dann haben mögliche schädliche Einflüssse von außen keine Chance.
    Tatsache ist: noch nie in der gesamten Menschheitsgeschichte haben sich Mütter so viel und in so kindlicher Weise mit ihren Kindern beschäftigt wie in den letzten 20 Jahren. Aber trotzdem gibt es offenbar die Vorstellung, dass eine Frau, sobald Mutter geworden, alle anderen Interesse vergessen soll. Und viele Frauen lassen sich dadurch unter Druck setzen. Während weder die adeligen Damen (Ammen) vergangener Zeiten noch die bürgerlichen Frauen (Hauspersonal) ein Problem damit hatten, ihre Kinder für weitaus längere Zeit in fremde Obhut zu geben, haben moderne Frauen oft Schuldgefühle und fürchten seelisches Leid für ihre Kinder.

    Und auch dazu wollen wir ermuntern : statt auf Verwandte, Bekannte und sonstige Menschen, die es ja nur gut meinen zu hören, wollen wir vermitteln mehr auf die eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu hören und viele kreative Möglichkeiten der Alltagsbewältigung auszuprobieren, denn eine allgemeingültige Regelung gibt es wahrscheinlich nicht. Falls doch, so sind wir jedenfalls auch noch nicht dahintergekommen.