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Schnitte unter die Haut
Selbstverletzendes Handeln als Bewältigungsstrategie


    von © Maga. Sabine Fabach (2002)


    Mädchen und junge Frauen verletzen sich mit Rasierklingen, Glasscherben oder Scheren. Dieses Sich-selbst-schneiden kann vom leichtem Ritzen in die Haut bis zu tiefen Schnitten, die ärztlich behandelt werde müssen, reichen. Je nach dem, wie stark der innere Druck ist, umso tiefer die Schnitte.
    Diese Art der Selbstverletzung werden ich in weiterer Folge als Schneiden bezeichnen.

    Die Orte der Verletzung sind variabel. Die Mädchen schneiden sich oft in den Unterarm, denn hier können die Verletzungen versteckt oder sichtbar getragen werden. Aber auch jede andere Körperstelle kann zum Ort der Verletzung werden.
    Die jungen Frauen bemerken es entweder alleine, wie “erleichternd” schneiden sein kann oder sie sehen es bei Freundinnen. Sie lesen darüber oder hören es in der Schule. Die Wege und Ausdrucksformen des Schneidens und der Selbstverletzung sind vielfältig. Was allen gemeinsam ist, ist die große innere Not, die mittels Schneiden zu bewältigen gesucht wird.

    Bevor Mädchen sich ritzen oder schneiden, befinden sie sich in extremer innerer Spannung und Unruhe. Der Druck wird so groß, dass sie irgend etwas tun müssen und das Schneiden ist eine Möglichkeit.

    Andere wiederrum verdrängen all die unerträglich schmerzhaften Gefühle und spüren nur mehr Leere und Haltlosigkeit. Diese Leere und Ausweglosigkeit macht Angst und kann sich ins Unerträgliche steigern, sich schneiden bringt ein wenig ein "Sich-spüren" zurück. Die Gründe und Gefühle kurz vor dem Schneiden und währendessen sind unterschiedlich, aber der aktuelle Grund ist derselbe: dass es wieder leichter und erträglicher wird.

    Warum schneiden?

    Ich verstehe Selbstverletzungen als einen aktiven Bewältigungsversuch von inneren Konflikten und großem Stress.
    Diese Konflikte sind auch das Resultat der widersprüchlichen Rollenerwartungen an die jungen Frauen in unserer Gesellschaft. Die neuen Bilder von jungen Frauen sprechen von Selbstbewusstsein, von einer, die ihre Meinung sagt, klar ihren Weg geht und die auch gut aussieht.
    Dieses neue Idealbild ist für jungen Mädchen nicht zu erreichen. Vor allem dann nicht, wenn aus der Familie andere, traditionellere Bilder an sie herangetragen werden.
    Die Mädchen sollen hübsch und anziehend sein, müssen aber gleichzeitig Angst um ihre Sicherheit und sexuelle Selbstbestimmung haben. Fast alle Lebenssbereiche sind von starken emotionalen Widersprüchen geprägt, dazu gehört auch die Ablösung von der Herkunftsfamilie, neue Beziehungen, Wechsel in die Arbeitswelt usw.

    Wie an der großen Zahl an Essstörungen bei jungen Mädchen ersichtlich wird, ist die Beziehung zum Körper bei vielen sehr konfliktbeladen.
    Der Körper fällt oder ist schon längst aus der wohlfühlenden Ich-Einheit herausgefallen und zu einem fremden Ort der Kontrolle und Beurteilung geworden. Der Körper hat mehr Funktion als einen eigenen Wert.

    Wenn die Sprache zu all den großen Gefühlen fehlt, nicht erlaubt ist oder keinen Platz hat, dann wird der Körper zur Bühne für die Kommunikation nach außen.

    Und der Körper wird zum manipulierbaren Objekt, durch dessen Bearbeitung das innere Gleichgewicht immer wieder hergestellt werden kann.


    Was tun:

    Ich finde es enorm wichtig, dass gerade junge Frauen, die an traumatischen Erfahrungen gepaart mit Hilflosigkeit und Ohnmacht leiden, als aktiv Handelnde wahrgenommen werden. Auch wenn sich deren Strategie noch aggressiv gegen den eigenen ungeliebten Körper richtet, verstehe ich dies als eine Methode des Überlebens und des Kommunizierens mit der Umwelt.

    Daher ist es nicht sehr zielführend, den Frauen nur das Schneiden oder Selbstverletzen unmöglich zu machen, sondern die Mädchen müssen andere Strategien finden, welche ohne Selbstschädigung für sie hilfreich sind.

    Der Weg hin zu einem liebevollen Umgang mit dem eigenen Selbst und dem eigenen Körper kann sicher nicht über Verbote und neuerlichen Druck geschehen, sondern braucht Zeit und ein gemeinsames Sprechen lernen über die Gefühle, Erwartungen und Verbote, die in den Mädchen durcheinander wirken.


    Literaturhinweise:

    Stefanie Ackermann: Selbstverletzung als Bewältigungshandeln junger Frauen. 127 Seiten, Mabuse-Verlag, Frankfurt am Main 2002.

    Kirstin Teuber: "Ich blute, also bin ich". Selbstverletzung der Haut von Mädchen und jungen Frauen. Centaurus, Herbolzheim. 3. Auflage 2000.