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“Ein echter Fortschritt!”

Wozu braucht Österreich ein Anti-Stalking-Gesetz?


    von © Bettina Reinisch (2006)


    Keine drei Jahre ist es her, dass in Österreich die ersten Artikel zum Thema "Stalking" erschienen. "Dich krieg ich noch!" titelt die Wiener Stadtzeitung "Falter" im Jahr 2003. Etwa zur gleichen Zeit zitiert der "Standard" die Wiener Frauenstadträtin Renate Brauner: "Österreich braucht ein Psychoterror-Gesetz!". Im Juli wird es nun tatsächlich in Kraft treten.

    In den USA taucht in den Medien zu Beginn der 90er Jahre ein neuer Begriff auf: “Stalking”. Anfangs dachte man, das sei ein völlig neues Phänomen - und nur Prominente seien betroffen. Beides stimmt so nicht, wie man heute weiß.

    Mag der Begriff auch relativ neu sein (das Wort “Stalking” stammt aus der Jagdsprache und bedeutet "sich heranpirschen, auflauern"), das Phänomen an sich existiert ohne Zweifel schon lange - und eben nicht nur in Prominenten-Kreisen. Neu ist das wachsende Problembewusstsein. Neu ist, dass Opfer nicht länger in der Opferrolle verharren und stattdessen aktiv werden. Neu ist auch, dass Gesetze gefordert und auch verabschiedet werden. Das erste in Kalifornien 1990, zahlreiche andere Staaten zogen nach.

    Weil der Großteil der Stalking-Opfer weiblich ist, setzen sich Frauen-Gruppen stark für eine Anti-Stalking-Gesetzgebung ein. So initiierte 2003 die damalige Wiener Frauenstadträtin Renate Brauner mit dem Frauenbüro die erste österreichische Stalking-Konferenz. Der treffende Titel "Du entkommst mir nicht ...".

    Endlich war damit auch hierzulande das Thema am Tisch. Ein Thema, mit dem sich nach einer IFES-Umfrage jede vierte Frau in Wien schon herumgeschlagen hat: Frau beendet eine Beziehung, doch der oder die andere lässt nicht los und beginnt sie regelrecht zu "verfolgen". Ruft dauernd an, schickt SMS oder E-Mails, schickt Blumen oder Geschenke, steht plötzlich vor der Tür. Das nervt, und in schlimmen Fällen, wenn es über einen langen Zeitraum geht oder die andere Person aggressiver wird, kann es krank machen.

    Zumeist hat Stalking einen Beziehungs-Ursprung. Seltener kommt es vor, dass jemand aus dem weiteren Umfeld eine auserwählte Person über längere Zeit belästigt. In ganz seltenen Fällen hat der/die TäterIn das Opfer ganz zufällig ausgewählt. Treffen kann Stalking Jeden und Jede, unabhängig von Alter oder sozialem Status. Der überwiegende Anteil der Opfer sind Frauen - die Angaben der Forschung schwanken zwischen 67 und 80 Prozent. Die TäterInnen seien etwa zu 80 Prozent Männer.
    Stalking ist also überwiegend ein "Beziehungs-Problem" und ein Problem "sozialer Fehlanpassung". Laut einer groß angelegten Studie, durchgeführt von der Abteilung für Forensische Psychologie an der TU Darmstadt, würden Stalker zumeist selbst sozial am Rand stehen. Viele seien arbeitslos oder litten unter anderen Stressfaktoren, etwa die Hälfte der Stalker hätte Alkohol- oder Drogenprobleme. Es fehlt ihnen offensichtlich die Fähigkeit zu erkennen, wie sie auf andere wirken. Und zu akzeptieren, dass der oder die Verfolgte Angst hat und den Kontakt wirklich nicht will.

    Die Situation der Opfer besser zu verstehen und daraus Forderungen zur Verbesserung des Opferschutzes zu formulieren, war Ziel der Konferenz 2003. Ein Ergebnis ist das neue Gesetz, das am 1. Juli 2006 in Kraft tritt. Salopp "Anti-Stalking-Gesetz" genannt, handelt es sich tatsächlich um den Paragraph 107a im Strafgesetzbuch. (siehe Kasten).

    Dieser Paragraph soll ermöglichen, dass Betroffene auch in relativ "harmlos" anmutenden Fällen die Polizei einschalten können und Hilfe bekommen.

    Das Gesetz, so der Kripo-Beamte und Anti-Stalking-Experte Alexander Knoll vom Kriminalpolizeilichen Beratungsdienst, sei "ein echter Fortschritt". "Stalking" werde damit ein sogenanntes "Offizialdelikt". Das hätte für die Betroffenen mehrere Vorteile: Sie oder jemand anderer können eine Anzeige bei der Polizei machen und es erwachsen ihnen keine Kosten. Die Polizei muss einschreiten.

    Und die Einführung des Gesetzes habe weitere Auswirkungen: Die Polizei, die auch bei der Gesetzgebung mitgearbeitet hat, setze sich nun mit dem Thema "Stalking" aktiv auseinander. Nicht nur soll es in Zukunft in jeder Dienststelle Informations-Folder für Betroffene geben, sondern auch mindestens einen speziell geschulten Beamten oder eine geschulte Beamtin. Die seien dazu da, Stalking-Opfer zu informieren und zu beraten. Denn das Allerwichtigste, so sagt der Fachmann, seien die eigenen Abwehr- und Sicherheits-Maßnahmen.

    Als erstes solle man dem/der StalkerIn einmal - und nur einmal -in aller Deutlichkeit mitteilen, dass man keine weiteren Kontakte wünsche und sich jeden weiteren Versuch einer Kontaktaufnahme verbitte. Dann gäbe es eine Reihe von bewährten Verhaltensmaßnahmen. Langfristig sei es geboten, weitere Kontaktaufnahmeversuche des Stalkers möglichst ins Leere laufen zu lassen.

    Darin liege aber auch ein Problem. Denn Personen, die von einem/r StalkerIn verfolgt werden, reagierten oft mit Rückzug. Auch das belegt die Forschung. Stalker scheinen begabt dafür zu sein, anderen ein schlechtes Gewissen zu machen und das Gefühl zu geben, man hätte sich verpflichtet, den Kontakt zu halten. Tatsächlich haben viele Stalking-Opfer gegenüber dem/der StalkerIn ein schlechtes Gewissen und schämen sich. Viele erzählen in ihrem Freundeskreis nicht, dass sie gestalkt werden. Viele fühlen sich schuldig. Sie sind völlig überfordert mit dem Problem.

    Ein Rückzug aber schwächt die verfolgte Person zusätzlich. "Weil Stalker vernetzt agieren, ist es wichtig, dass ihre Opfer auch vernetzt reagieren." sagt Alexander Knoll. Was das heißt? Den Freundeskreis informieren und bitten, keine Informationen weiterzugeben, sich eine neue Handy-Nummer leisten, sich von Profis beraten lassen. Auch Webseiten zum Thema können unterstützend und entlastend sein. Dort erfährt man am schnellsten, dass man nicht die einzige Person ist, der "so etwas" passiert, man kann sich austauschen mit anderen über das Thema. Und man kann hilfreiche Vorschläge bekommen.

    Was hier auch deutlich wird: Wer gestalkt wird, muss Zeit und Geld investieren, um den/die StalkerIn wieder los zu werden. Auch deshalb gilt: "Je früher, desto besser." Das ist auf alle Fälle zeit- und kostensparend.

    Ein weiteres Problem, das Alexander Knoll beschreibt, erscheint auf den ersten Blick paradox. "Für viele Opfer ist es gar nicht so einfach, den Stalker einmal entschieden zurückzuweisen und dann auf jegliche Kontaktaufnahmeversuche nicht mehr zu reagieren. Viele Betroffene glauben, wenn sie Kontakt zum Belästiger halten und ihm immer wieder nachgeben, sich mit ihm gar treffen, könnten sie die Situation unter Kontrolle halten und wüssten, was der Stalker vorhat."

    Das sei fatal, so Knoll, denn: "Der Täter fühlt sich dadurch bestärkt. Er erreicht ja immer wieder sein Ziel - die Nähe zum Opfer. Er bekommt die Bestätigung, dass sich das Opfer mit ihm beschäftigt. Manche Beziehungsstalker werden dadurch auch bestärkt in ihrer Überzeugung, dass die andere Person ja doch Interesse an einer Beziehung oder an Nähe hätte."

    Natürlich ist es auch sinnvoll, psychologische Beratung aufzusuchen, wenn man verfolgt wird. Was können BeraterInnen aus dem psychosozialen Feld da anbieten? Das wichtigste ist es, mit der KlientIn - unter Umständen auch unter Einbeziehung der Polizei - die Anti-Stalking-Maßnahmen zu besprechen und die KlientIn dabei zu fördern, diese Maßnahmen auch konsequent einzuhalten.

    Das Gesetz tritt, wie erwähnt, am 1. Juli 2006 in Kraft. Zweifellos ein Fortschritt zur Verbesserung des Opferschutzes. Doch auch das beste Gesetz kann den Betroffenen nicht ersparen, sich aktiv und vor allem entschieden mit dem Thema auseinanderzusetzen.

    Weitere Informationen und Hilfe für Stalking-Opfer:
    www.stalking.at
    www.liebeswahn.de
    www.stalkingforschung.de

    Kriminalpolizeiliche Beratung
    (Kriminaldirektion 3)
    Wasagasse 22, 1090 Wien
    Tel.: 0800-216346 (Beratungs-Hotline)


    aus: Frauensache-Zeitung, 7.Jahrgang, 2006-2