Frauensache(n) im Netz













 







Von   S T I E F M Ü T T E R N   und   anderen   R A B E N M Ü T T E R N


    von DSA. Renate Kromer



    Bei einer leiblichen Mutter ist selbstlose Liebe zum Kind selbstverständlich und wird von der Gesellschaft erwartet. Aber eine lieblose Stiefmutter ist durchaus vorstellbar.
    Gerade jetzt, wo Gegensätze stärker hervortreten, strahlt das Bild der liebenden Mutter umso heller.

    Die Zahl der Ehescheidungen steigt kontinuierlich, das bedeutet unter andererem: Immer mehr Kinder leben nicht bei - oder nur bei einem Teil der leiblichen Eltern. "Stieffamilien" werden immer häufiger.

    Dieses Problem als privates Schicksal abzutun, greift zu kurz, Wir brauchen dringend neue Modelle und Orientierungen für neue Formen des Zusammenlebens. Es existiert ja nicht einmal eine idealtypische Vorstellung wie das Leben in einer "Patchworkfamilie" aussehen soll.

    Stieffamilien sind oftmals mit Vorurteilen und Wertvorstellungen konfrontiert, die ihnen ihre Situation noch zusätzlich erschweren.
    Die zentrale Rolle bei der Gestaltung der Beziehungen in der neuen Familie haben auch hier die Frauen inne.
    Es dürfte auch die Beziehung Stiefmutter-Stiefkinder ungleich schwieriger zu leben sein als die Beziehung Stiefvater-Kind.

    Zwar nehmen Väter intensiver an der Betreuung der Kinder teil, doch die Hauptarbeit und ein Großteil der Verantwortung bleibt den Frauen. Oft überfordern sich die Frauen auch selbst, indem sie eine besonders großartige Mutter sein wollen, um dem Klischee der bösen Stiefmutter etwas entgegenzusetzen. Am Beginn steht immer ein Verlust (durch Tod oder Scheidung) und die Sehnsucht, die neue Frau soll diesen Verlust so schnell wie möglich wettmachen, das Vergessen erleichtern, die heile Welt wieder herstellen. Hier lauert eine große Gefahr für die neue Mutter, die neue Ehefrau.

    Die andere Frau möglichst reibungslos zu ersetzen, kann nur heißen, sich selbst zu verleugnen, eine Rolle zu spielen, die eigene Persönlichkeit zu unterdrücken, als Person entwertet zu werden.
    Das kann auf die Dauer nicht gutgehen, obwohl es für viele Frauen scheinbar leichter ist, in die vorgefertigte Identität zu schlüpfen, als sich der Auseinandersetzung zu stellen.
    Aber nur durch Ehrlichkeit, Akzeptieren der Vergangenheit und Selbstbehauptung wird der Weg frei für neue Beziehungen in der Familie.

    Doch auf der anderen Seite steht ebenfalls eine Frau, die Mutter, die ihre Kinder verläßt (Witwer und Waisen sind eine Minderheit).
    Eine Mutter, die ihre Kinder "im Stich" läßt, kann auf wenig Verständnis hoffen. Oft werden ihr egoistische oder gar krankhafte Motive unterstellt.
    Das Phänomen der Mutter, die geht und ihre Kinder zurückläßt, ist weder so selten noch so skandalös, wie uns die Medien glauben lassen.

    Auch berühmte Frauen haben ihre Kinder freiwillig oder unfreiwillig verlassen wie z.B. Ingrid Bergmann, Yoko Ono oder, in letzter Zeit, Hera Lind (große Aufregung in den Medien!). Sie alle wurden von vielen Seiten beschimpft und geächtet.

    Dass das Thema interessiert, merkt frau auch daran, dass sich auch Hollywood des Themas annimmt. "Kramer gegen Kramer", "Drei Männer und ein Baby "etc. sind solche Filme. In diesen Filmen sind die Männer die Helden, bloß weil sie sich um alltägliche Dinge des Kinderalltags kümmern.
    Ein Gedanke steht immer dahinter: Eine "gute" Mutter gilt als selbstverständlich, erhält keine Anerkennung, eine "schlechte" Mutter wird bestraft.

    Die Vernachlässigung von Elternpflichten, der Wunsch nach einem befriedigenden Sexualleben und nach Selbstbestimmung des eigenen Lebensweges werden einer Frau verübelt, während dasselbe beim Mann als normal gilt.

    Auch bei diesem Thema sieht frau, wer auf der Strecke bleibt und dass bei der Versorgung der Kinder immer noch mit zweierlei Maß gemessen wird.



    Renate Kromer ist
    Diplomsozialarbeiterin, Supervisorin, Leiterin einer Familienberatungsstelle und arbeitet seit Jahren mit "unüblichen" Familienformen.